Du öffnest die Augen.
Es ist 5:47 Uhr. Das Kind ist wach. Natürlich ist es wach.
Du ziehst dich aus dem Bett, obwohl dein Körper schreit: Bitte nicht. Noch fünf Minuten. Noch zehn. Bitte.
Aber niemand übernimmt.
Du stehst auf. Du machst Frühstück. Du wickelst. Du ziehst an. Du bringst zur Kita. Du arbeitest. Du holst ab. Du kochst. Du badest. Du liest vor. Du bringst ins Bett.
Und dann, wenn das Kind endlich schläft, sitzt du auf dem Sofa und starrst an die Wand.
Zu müde für irgendetwas. Zu erschöpft, um zu schlafen.
Als Mama allein.
Das bist du. Jeden Tag. Jede Nacht. Ohne Pause. Ohne Backup. Ohne jemanden, der sagt: “Ich mach das, ruh dich aus.”
Und du fragst dich: Wie lange halte ich das noch durch?
Die unsichtbare Last
Von aussen siehst du aus wie jede andere Mutter.
Du bringst dein Kind pünktlich zur Kita. Du gehst arbeiten. Du kaufst ein. Du räumst auf. Du lächelst, wenn die Nachbarin fragt: “Na, alles gut?”
“Ja, alles gut.”
Aber innen drin? Da ist diese Erschöpfung, die sich nicht mit Schlaf heilen lässt. Diese Anspannung, die nie nachlässt. Diese Frage, die dich nachts wach hält:
Wie lange noch?
Niemand sieht, was du trägst.
Die schlaflosen Nächte, in denen du das weinende Kind allein beruhigst. Die Arztbesuche, bei denen du allein entscheidest. Die Krankheitstage, an denen du trotzdem funktionierst, weil niemand anderes da ist. Die Sorgen, die du mit niemandem teilen kannst. Die Angst, nicht genug zu sein.
Du trägst das alles. Allein.
Warum “Du schaffst das!” ein vergiftetes Kompliment ist
“Du bist so stark!” “Du schaffst das!” “Ich bewundere dich – allein mit Kind, Respekt!”
Das sagen die Leute. Und es soll helfen.
Aber weisst du, was du hörst?
Du musst das allein schaffen. Hilfe brauchen ist nicht vorgesehen.
Jedes “Du schaffst das!” ist auch eine Botschaft: Du sollst es schaffen. Allein. Ohne zu klagen.
Aber was, wenn du nicht mehr kannst?
Was, wenn du nicht stark sein WILLST?
Was, wenn du einfach nur möchtest, dass jemand einen Teil der Last übernimmt?
Die Wissenschaft der Überlastung
Mikolajczak et al. (2018) haben Eltern-Burnout erforscht. Ihre Ergebnisse sind eindeutig:
- Alleinerziehende haben ein signifikant höheres Burnout-Risiko
- Fehlende Unterstützung ist der stärkste Risikofaktor
- Burnout bei Eltern führt zu emotionaler Distanz zum Kind
Das bedeutet: Wenn du dich überfordert fühlst, ist das keine Schwäche. Das ist eine logische Reaktion auf eine unmögliche Situation.
Du versuchst, etwas allein zu schaffen, das früher Gemeinschaften gemeinsam getragen haben.
Unsere Grossmütter hatten Dörfer. Sie hatten Tanten, Nachbarinnen, Grosseltern, die einsprangen.
Du hast… dich selbst.
Das ist nicht fair. Und es ist nicht nachhaltig.
Die Nächte, die niemand kennt
Es ist 2:34 Uhr.
Das Kind hat Fieber. Du sitzt neben dem Bett, legst kalte Tücher auf die Stirn, misst zum dritten Mal die Temperatur.
Soll ich ins Spital fahren? Ist es ernst? Ist es normal?
Du googlest. Du liest widersprüchliche Informationen. Du machst dir Sorgen.
Und da ist niemand, den du fragen kannst. Niemand, der sagt: “Das ist okay, Kinder haben oft Fieber.” Niemand, der sagt: “Schlaf du, ich übernehme.”
Du triffst alle Entscheidungen allein. Du trägst alle Konsequenzen allein. Du machst alle Fehler allein – und lebst mit der Schuld allein.
Das ist erschöpfender als jede körperliche Arbeit.
Collins et al. (1993) haben gezeigt: Soziale Unterstützung ist entscheidend für das Wohlbefinden von Müttern. Nicht optional – entscheidend.
Ohne Unterstützung brennst du aus. Nicht weil du schwach bist. Weil du ein Mensch bist.
Die Einsamkeit hinter der Erschöpfung
Da ist noch etwas. Etwas, das du niemandem sagst.
Hinter der Erschöpfung ist Einsamkeit.
Nicht die Einsamkeit des Alleinseins – du bist ja nie allein, das Kind ist immer da.
Sondern die Einsamkeit der fehlenden Erwachsenen-Nähe.
Wann hat dich zuletzt jemand gehalten? Nicht das Kind, das an dir hängt. Sondern jemand, der DICH hält?
Wann hat zuletzt jemand gefragt: “Wie geht es DIR?” – und wirklich auf die Antwort gewartet?
Diese Sehnsucht nach Nähe ist real. Und sie verschwindet nicht, weil du funktionierst.
Die Fassade, die bröckelt
Du hältst die Fassade aufrecht.
Bei der Arbeit: professionell, kompetent, zuverlässig. Bei der Kita: freundlich, organisiert, engagiert. Bei Freunden: “Alles gut, ich schaff das.”
Aber zu Hause, wenn niemand zuschaut, bröckelt sie.
Da sitzt du auf dem Küchenboden und weinst, weil das Kind schon wieder seinen Brei ausgespuckt hat und du nicht mehr kannst.
Da schreist du ins Kissen, weil die Wut irgendwo hin muss und du sie nicht am Kind auslassen willst.
Da starrst du die Wand an und fragst dich: Ist das mein Leben jetzt? Für immer?
Das sind keine Zeichen von Versagen. Das sind Zeichen von Überlastung.
Du brauchst keine Selbstoptimierung. Du brauchst Entlastung.
Was dir wirklich fehlt
Nicht mehr Zeit. Du hast 24 Stunden, wie alle anderen.
Nicht mehr Organisation. Du bist bereits effizienter als jeder CEO.
Nicht mehr Tipps. Du weisst längst, was du “tun solltest”.
Was dir fehlt, ist ein Mensch.
Ein Mensch, der morgens aufsteht und sagt: “Schlaf weiter, ich mach das.” Ein Mensch, der abends nach Hause kommt und fragt: “Wie war dein Tag?” – und es wirklich wissen will. Ein Mensch, der das Kind nimmt und sagt: “Geh duschen, ich bin da.” Ein Mensch, der dich nachts hält, wenn die Angst kommt.
Jemanden zu brauchen ist keine Schwäche. Es ist menschlich.
Die Lüge der “selbstständigen Mutter”
Die Gesellschaft feiert “starke, selbstständige Mütter”.
Aber hier ist die Wahrheit: Es gibt keine selbstständigen Mütter. Es gibt nur Mütter, die die Hilfe bekommen, die sie brauchen – und Mütter, die ohne auskommen müssen.
Baumeister und Leary (1995) haben es bewiesen: Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit ist fundamental. Nicht antrainiert. Verdrahtet.
Du bist nicht dafür gemacht, allein zu sein. Dein Kind ist nicht dafür gemacht, nur eine Bezugsperson zu haben. Unsere gesamte Spezies ist nicht dafür gemacht.
Wenn du dich überfordert fühlst, als Mama allein – dann liegt das nicht an dir.
Es liegt daran, dass du etwas allein trägst, das nicht für eine Person gedacht ist.
Die Frage, die du dir nicht stellst
Du fragst dich: “Wie halte ich das durch?”
Aber die bessere Frage wäre: “Warum muss ich das allein durchhalten?”
Und: “Wie finde ich jemanden, der mich entlastet?”
Nicht für eine Stunde, während die Freundin aufpasst. Nicht für einen Abend, während die Oma einspringt. Sondern: wirklich. Dauerhaft. Als Teil deines Lebens.
Was du verdienst
Du verdienst mehr als “Du schaffst das!”
Du verdienst jemanden, der morgens neben dir aufwacht. Du verdienst Hände, die dir das Kind abnehmen. Du verdienst Arme, die dich halten. Du verdienst jemanden, der sagt: “Das ist auch meine Last.”
Das zu wollen ist nicht egoistisch. Das zu brauchen ist nicht schwach. Das ist menschlich.
Der erste Schritt
Vielleicht liest du das und denkst: “Schön wär’s. Aber wo finde ich so jemanden?”
Das ist eine berechtigte Frage.
Der erste Schritt ist: Aufhören, die Last zu verstecken.
Aufhören zu sagen: “Alles gut.” Aufhören zu tun, als wärst du unverwundbar. Aufhören, das Alleinsein als Stärke zu verkaufen.
Und stattdessen: Ehrlich sein.
“Ich bin erschöpft.” “Ich brauche Hilfe.” “Ich will nicht mehr allein sein.”
Das ist kein Versagen. Das ist der Anfang.
Ich bin Simon. Ich lebe in Zuchwil, in der Schweiz.
Ich weiss, was es bedeutet, als Mama allein zu sein. Nicht weil ich es selbst erlebt hätte – sondern weil Frauen mir davon erzählen. Von der Erschöpfung. Von der Einsamkeit. Von dieser Last, die niemand sieht.
Wenn du magst, schreib mir. Nicht für Ratschläge. Für ein Gespräch mit jemandem, der zuhört. Und vielleicht für mehr.
FAQ: Als Mama allein
Bin ich eine schlechte Mutter, wenn ich nicht mehr kann?
Nein. Du bist eine erschöpfte Mutter, die zu viel allein trägt. Das Gefühl “Ich kann nicht mehr” ist ein Signal – kein Urteil.
Sollte ich um Hilfe bitten, auch wenn es mir peinlich ist?
Ja. Hilfe anzunehmen ist keine Schwäche. Es ist intelligent. Du würdest deinem Kind auch helfen, wenn es etwas nicht allein schafft – warum nicht dir selbst?
Wie finde ich als alleinerziehende Mutter einen Partner?
Nicht durch Dating-Apps, die dich noch mehr erschöpfen. Sondern durch echte Begegnungen. Jemand, der versteht, dass dein Leben anders aussieht – und der das nicht als Hindernis sieht, sondern als Teil von dir.
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