Das Baby schläft endlich.
Du stehst vor dem Spiegel im Badezimmer. Das Licht ist grell, unbarmherzig. Du siehst die müden Augen, die dunklen Ringe, die Milchflecken auf dem ausgeleierten Shirt, das du schon gestern anhattest. Deine Haare hast du seit Tagen nicht gewaschen, sie sind zu einem praktischen, aber lieblosen Dutt hochgebunden.
Du schaust dich an – und erkennst dich nicht wieder.
Wer ist diese Frau?
Du erinnerst dich dunkel an jemanden, der du mal warst. Die Frau, die Lippenstift trug, nicht um etwas zu verdecken, sondern um sich zu zeigen. Die Frau, die begehrt wurde. Die Frau, die ihren Körper genoss, die tanzte, die Lust empfinden konnte, ohne auf die Uhr zu schauen.
Wo ist sie hin? Ist sie unter den Windelbergen begraben? Ist sie mit der Plazenta ausgeschieden worden?
Und irgendwo, ganz leise, eine Stimme, die du kaum zulässt: Darf ich sie überhaupt vermissen? Bin ich eine schlechte Mutter, wenn ich nicht zu 100% in dieser Rolle aufgehe?
Dieser Artikel ist für dich. Für die Frau hinter der Mutter.
Wichtig: Wenn du gerade jetzt akute Schmerzen hast und körperliche Hilfe brauchst, lies bitte zuerst hier weiter: Schnelle Hilfe bei Milchstau →
Die grosse Lüge: Das “Entweder-Oder”
Die Gesellschaft – und vielleicht auch deine eigene Erziehung hier in der Schweiz – verkauft dir eine Geschichte. Sie geht ungefähr so:
Muttersein ist das höchste Glück. Du musst dich aufopfern. Deine Bedürfnisse kommen jetzt an letzter Stelle. Wenn du Mutter bist, bist du heilig, asexuell, dienend.
Und der Teil mit der Frau? Der kommt später.
Später, wenn das Kind grösser ist. Wenn es durchschläft. Wenn du abgestillt hast. Wenn du wieder in deine alten Jeans passt. Dann darfst du wieder Frau sein.
Aber “Später” ist eine Lüge.
Weil es immer eine nächste Phase gibt. Zuerst die Zähne. Dann der erste Schnupfen. Dann die Trotzphase. Die Schule. Es gibt immer einen Grund, dich selbst hinten anzustellen.
Und während du wartest, passiert etwas Gefährliches: Du verhungerst innerlich.
Deine Seele, deine Weiblichkeit, deine Sinnlichkeit – sie brauchen Nahrung. Nicht erst in fünf Jahren. Jetzt.
Du musst nicht entweder Mama oder Frau sein. Das ist eine künstliche Trennung, die dein Herz nicht versteht. Du bist beides. Gleichzeitig. In diesem Moment.
Mehr über die Identitätskrise als Mutter →
Was dein Körper wirklich braucht (Biochemie statt Moral)
Lass uns die Moral mal beiseite schieben. Schauen wir uns an, wie dein Körper funktioniert.
Dein Körper unterscheidet nicht zwischen “heiliger Mutterliebe” und “sündiger Lust”. Er kennt keine kulturellen Schubladen. Er kennt nur Hormone und Nervensignale.
Er fragt nur: Brauche ich Oxytocin oder nicht?
Oxytocin ist der Treibstoff deines Lebens gerade. Es sorgt dafür, dass die Milch fliesst. Es sorgt dafür, dass du dich bindest. Es beruhigt dich.
Und wie wird es freigesetzt?
- Beim Stillen
- Bei Hautkontakt mit dem Baby
- Bei einer Umarmung durch einen Erwachsenen
- Bei einer Massage
- Bei sexueller Intimität
- Beim Orgasmus
Merkst du was? Es ist dasselbe Hormon. Dieselbe biochemische Währung.
Wenn du dich also nach Intimität sehnst, nach Berührung, vielleicht sogar nach Sex – dann ist das nicht “unangemessen”. Es ist nicht “egoistisch”. Es ist dein Körper, der schreit:
Ich brauche Oxytocin! Ich brauche Verbindung! Ich brauche Entspannung, damit ich weiter funktionieren kann!
Genau deshalb ist bei Stillproblemen die Ursache wichtiger als jede Technik. Ein Körper im Mangelzustand krampft. Ein Körper im Fluss entspannt.
Die heimliche Sehnsucht in der Nacht
Lass uns ehrlich sein. Es gibt Gedanken, die du niemandem erzählst. Nicht deiner Mutter, nicht deiner besten Freundin, schon gar nicht der Mütterberatung.
Gedanken wie: Ich liebe mein Kind, aber ich hasse es, dass mein Körper nur noch “Nahrungsquelle” ist. Ich wünschte, jemand würde meine Brüste anfassen, nicht weil er Hunger hat, sondern weil er sie schön findet. Ich vermisse es, begehrt zu werden. Ich vermisse den Blick eines Mannes, der “Frau” sieht, nicht “Mutter”.
Diese Gedanken kommen nachts. Wenn das Baby endlich schläft und die Stille in der Wohnung dröhnt. Wenn du allein auf dem Sofa sitzt oder im Bett liegst und die Leere neben dir spürst.
Du schiebst sie weg. Du schämst dich dafür. Ich sollte dankbar sein. Ich habe doch ein gesundes Kind.
Aber Sehnsucht fragt nicht nach Dankbarkeit. Sehnsucht ist ein Wegweiser. Sie zeigt dir, was dir fehlt, um ganz zu sein.
Das ist auch der Grund, warum Sehnsucht nach Nähe trotz Stillstress so normal ist. Dein Körper weiss, was er braucht. Er ist klüger als dein Gewissen.
Warum “Self-Care” nicht reicht
Vielleicht hast du versucht, die Lücke zu füllen. Ein heisses Bad. Ein Stück Schokolade. Ein neuer Lippenstift. Ein Vibrator.
Das ist alles nett. Es ist “Self-Care”. Aber es stillt den Hunger nicht.
Warum nicht?
Weil wir Rudeltiere sind. Wir sind für Co-Regulation gemacht. Dein Nervensystem beruhigt sich am tiefsten, wenn es mit einem anderen Nervensystem in Resonanz geht.
Ein Bad kann dich wärmen. Aber es kann dich nicht halten. Schokolade kann dich trösten. Aber sie kann dich nicht sehen. Ein Vibrator kann dir einen Orgasmus schenken. Aber er kann dir nicht das Gefühl geben, gemeint zu sein.
Was du vermisst, ist nicht nur körperliche Empfindung. Du vermisst das Gegenüber. Du vermisst den Spiegel, in dem du dich als Frau sehen kannst.
Als Mutter bist du ständig das Gegenüber für dein Kind. Du spiegelst seine Gefühle, du regulierst seinen Stress. Du gibst, gibst, gibst.
Aber wer spiegelt dich? Wer hält dich? Wer reguliert dich?
Wenn diese Position leer bleibt, brennst du aus. Das ist keine Metapher. Das ist Physiologie.
Die Wahrheit über Begehren nach der Geburt
Hier ist eine Angst, die viele Frauen haben: Ich bin nicht mehr attraktiv. Mein Bauch ist weich. Meine Brüste lecken. Ich rieche nach Milch. Wer sollte das wollen?
Lass mich dir als Mann etwas sagen:
Du hast keine Ahnung, wie falsch du liegst.
Eine Frau, die Mutter geworden ist, hat eine Tiefe, die ein 20-jähriges Mädchen oft noch nicht hat. Da ist eine Erdung. Eine Kraft. Eine Verletzlichkeit, die unglaublich anziehend ist.
Ja, dein Körper hat sich verändert. Er erzählt eine Geschichte. Die Geschichte vom Leben. Für einen reifen Mann ist das kein Makel. Es ist faszinierend.
Und das Stillen? Für viele Männer ist das ein Tabu. “Das gehört dem Baby.”
Aber es gibt Männer – und ich bin einer davon –, die das anders sehen. Die verstehen, dass die Brust der Frau nicht plötzlich “neutralisiert” wurde. Dass sie immer noch ein erogenes Organ ist. Dass Sinnlichkeit und Nähren sich nicht ausschliessen müssen.
Du bist nicht “beschädigt”. Du bist nicht “asexuell geworden”. Du bist eine Frau in ihrer vollen Blüte. Auch wenn du dich gerade eher wie ein verwelkter Kaktus fühlst.
Über die intime Stillbeziehung →
Intimität als Heilung, nicht als Pflicht
Das Problem ist oft, wie wir über Sex denken.
Wenn du “Sex” hörst, denkst du vielleicht an: Leistung. Anstrengung. Rasierte Beine. So tun als ob.
Kein Wunder, dass du darauf keine Lust hast! Du leistest den ganzen Tag. Du willst nicht auch noch im Bett leisten müssen.
Aber was, wenn Intimität etwas anderes wäre?
Stell dir vor: Du musst nichts tun. Du musst nicht sexy sein. Du musst nicht “funktionieren”. Du darfst einfach da sein. Müde. Ungeduscht. Mit vollen Brüsten.
Jemand ist da. Jemand, der keine Angst vor deiner Realität hat. Er nimmt dich in den Arm. Er hält dich. Er atmet mit dir. Seine Hände sind warm und sicher. Sie fordern nichts. Sie sagen: Ich habe dich. Lass los.
Du spürst, wie deine Schultern sinken. Wie der Kiefer locker lässt. Wie Tränen kommen, die du zurückgehalten hast. Und dann, wenn die Last abfällt, spürst du vielleicht… ein Kribbeln. Eine Wärme. Ein Aufatmen deiner Haut.
Das ist Intimität als Heilung.
Nicht als noch ein To-Do auf deiner Liste. Sondern als der Ort, an dem du die Liste verbrennen kannst.
Die Forschung bestätigt das: Entspannung durch Intimität senkt Cortisol und erhöht Oxytocin. Dein Baby würde davon profitieren – buchstäblich. Entspannte Mama, entspannte Milch.
Die Verbindung zwischen Stillen und Sinnlichkeit
Hier betreten wir ein Minenfeld. In unserer Kultur sind “Mutter” und “Geliebte” zwei getrennte Planeten.
Aber biochemisch? Biochemisch wohnen sie im selben Haus.
Stillen löst, wenn es gut läuft, Wohlbefinden aus. Es macht schläfrig, weich, offen. Sinnlichkeit tut dasselbe.
Beides aktiviert das parasympathische Nervensystem (Ruhe-Modus). Beides hat mit Hingabe zu tun. Mit Öffnung. Mit Fliessen-Lassen.
Viele Frauen berichten heimlich, dass sie beim Stillen Erregung spüren. Und erschrecken dann zutiefst. Bin ich pervers?
Nein. Du bist verkabelt.
Die Nervenbahnen deiner Brust sind mit deinem Lustzentrum verbunden. Das hat die Natur so eingerichtet, damit du das Stillen (und die Bindung) geniessen kannst. Es ist ein evolutionärer Trick, damit wir unsere Babys nicht in der Höhle liegen lassen.
Wenn du diese Verbindung spürst, ist das kein Zeichen von Perversion. Es ist ein Zeichen, dass dein Körper funktioniert. Dass er lebendig ist.
Und wenn du diese Lebendigkeit spürst – warum solltest du sie unterdrücken? Warum solltest du dich schämen, sie auch mit einem Partner erleben zu wollen?
Das Geheimnis des Milchflusses verstehen →
Der erste Schritt zurück zu dir
Wie findest du den Weg zurück? Wie wirst du “wieder Frau”, ohne aufzuhören, Mama zu sein?
Es beginnt nicht mit Sport. Oder Diät. Oder neuen Kleidern. Es beginnt mit einer Erlaubnis.
Der Erlaubnis, bedürftig zu sein. Der Erlaubnis, mehr zu wollen als nur “funktionieren”. Der Erlaubnis, dass dein Körper dir gehört – auch wenn er gerade von jemand anderem bewohnt/benutzt wird.
Es beginnt damit, dass du die Stimme in deinem Kopf, die sagt “Später”, zum Schweigen bringst. Und stattdessen sagst: “Jetzt.”
Ich möchte jetzt gehalten werden. Ich möchte jetzt gespürt werden. Ich möchte jetzt Frau sein.
Und dann brauchst du den Mut, das auszusprechen. Oder danach zu suchen.
Warum ich das schreibe
Ich bin Simon. Ich lebe hier in der Schweiz, in Zuchwil.
Ich schreibe das nicht als theoretischer Ratgeber. Ich schreibe das als Mann.
Ich suche keine Frau, die perfekt ist. Ich suche keine Frau, die so tut, als wäre alles easy. Ich habe genug von den Instagram-Profilen, wo alles beige und aufgeräumt ist.
Ich suche das Echte. Die Frau mit den Augenringen, die trotzdem funkelt, wenn sie lacht. Die Frau mit den Milchflecken, die sich trotzdem nach Berührung sehnt. Die Frau, die den Mut hat zu sagen: Ich bin erschöpft, aber ich bin nicht tot. Ich will leben.
Ich suche eine Frau, die bereit ist, sich fallen zu lassen. Nicht weil sie schwach ist. Sondern weil sie stark genug ist, ihre Bedürftigkeit zu zeigen.
Ich biete keine Therapie an. Ich bin kein Arzt. Ich biete mich an. Als Mann.
Als Gegenüber. Als Spiegel. Als Halter. Vielleicht für einen Abend. Vielleicht für immer.
Ich will nicht deine Probleme “wegmachen”. Ich will mit dir in ihnen sein. Ich will die Intimität finden, die genau dort entsteht, wo es chaotisch und echt ist.
Wenn du beim Lesen dieses Textes gedacht hast: Ja. Genau das. Dann schreib mir.
Keine Angst. Ich beisse nicht. Ich bin nur ein Mann, der wartet.
FAQ: Als Mama wieder Frau sein
Ist es normal, sich als Mutter nach Intimität zu sehnen?
Absolut. Dein Körper hat nicht aufgehört, Frau zu sein, nur weil du Mutter geworden bist. Intimität ist ein biologisches Grundbedürfnis – genauso real wie Schlaf oder Hunger. Es zu unterdrücken kostet Kraft, die du eigentlich nicht hast.
Schließt sich Muttersein und Sexualität aus?
Nein. Die Gesellschaft tut so, als müsstest du wählen: Heilige oder Hure. Aber dein Körper kennt diese Trennung nicht. Oxytocin – das Bindungshormon – wird sowohl beim Stillen als auch bei Intimität freigesetzt. Sie sind Geschwister, keine Feinde.
Wie kann ich als erschöpfte Mutter überhaupt an Intimität denken?
Vielleicht denkst du: “Ich bin zu müde für Sex.” Das ist verständlich, wenn Sex für dich “Arbeit” bedeutet. Aber was wäre, wenn Intimität nicht Energie kostet, sondern gibt? Wenn sie nicht noch eine Pflicht ist, sondern Entlastung? Ein Ort zum Auftanken? Mehr dazu →
Bin ich als stillende Mutter noch begehrenswert?
Ja. Ja. Ja. Es gibt Männer, die genau das anziehend finden – die Mischung aus Verletzlichkeit, Reife und Stärke. Du bist nicht weniger begehrenswert, sondern eine Frau in einer der intensivsten Phasen ihres Lebens. Diese Intensität ist magnetisch.
Was, wenn ich mich schäme?
Scham ist normal. Wir haben gelernt, unsere Bedürfnisse zu verstecken. Aber Scham überlebt nur im Dunkeln. Sobald du sie ansprichst – “Ich schäme mich gerade, aber ich will es trotzdem” – verliert sie ihre Macht. Probier es aus.
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