Du hältst dein Baby.
Stundenlang. Deine Arme schmerzen. Dein Rücken brennt. Deine Schultern sind verspannt. Aber du hörst nicht auf, weil dein Baby dich braucht.
Du stillst. Du trägst. Du wiegst. Du tröstest. Du bist da – immer.
Und dann, spät nachts, wenn es endlich schläft und du erschöpft ins Bett sinkst, spürst du es:
Diese unerträgliche Sehnsucht, selbst gehalten zu werden.
Arme, die dich umfassen. Jemand, der dich trägt. Hände, die nicht erwarten, dass du funktionierst.
Und du fragst dich: “Darf ich das überhaupt wollen?”
Der Unterschied, den niemand sieht
Es sieht gleich aus: Du hältst. Du wirst gehalten. Beides ist Nähe. Richtig?
Falsch.
Dein Körper weiß genau, welches der beiden gerade passiert. Und er unterscheidet gnadenlos.
Baby halten = Geben
Wenn du dein Baby hältst, gibst du:
- Sicherheit – dein Baby spürt: “Ich bin geborgen”
- Wärme – deine Körperwärme reguliert seine Temperatur
- Präsenz – dein Herzschlag beruhigt sein Nervensystem
- Energie – jede Umarmung kostet dich etwas
Du bist der Anker. Der sichere Hafen. Die Konstante.
Das ist wunderschön. Aber es füllt dich nicht auf.
Gehalten werden = Nehmen
Wenn du gehalten wirst, nimmst du:
- Entlastung – du musst nicht stark sein
- Sicherheit – jemand anderes ist der Anker
- Auftanken – dein System reguliert runter
→ Hier erkläre ich, warum die Ursache wichtiger ist als das Symptom
- Erlaubnis – du darfst loslassen
Der Unterschied ist: Du musst nichts tun. Jemand anderes trägt. Du darfst einfach sein.
Das ist, was fehlt.
Warum “Ich hab doch mein Baby” nicht reicht
Vielleicht sagst du zu dir selbst:
“Ich sollte dankbar sein. Ich habe doch Nähe. Ich halte mein Baby den ganzen Tag. Warum fühle ich mich trotzdem so leer?”
Und dann kommt die Scham. Denn du hast ein wunderbares Baby. Du hast Nähe. Du solltest erfüllt sein.
Aber du bist es nicht.
Lass mich dir etwas sagen: Das ist nicht deine Schuld. Das ist Biologie.
Nähe ist nicht gleich Nähe
Die Nähe zu deinem Baby ist einseitig. Du bist die Gebende. Du bist die Haltende. Du bist die Verantwortliche.
Das ist eine tiefe, wertvolle Verbindung – aber es ist keine Verbindung, die dich auffüllt.
Dein Körper braucht auch jemanden, der dir gibt.
Nicht du, die nährt. Du, die genährt wird.
Nicht du, die hält. Du, die gehalten wird.
Nicht du, die stark ist. Du, die schwach sein darf.
Was in deinem Körper passiert
Das Gefühl der Leere, obwohl du “Nähe hast”, ist keine Einbildung. Es ist Biochemie.
Der Erschöpfungskreislauf
1. Du gibst Oxytocin ab Wenn du dein Baby hältst, produziert dein Körper Oxytocin. Das ist gut – es stärkt die Bindung.
2. Aber du bekommst zu wenig zurück Oxytocin-Produktion braucht auch Input: Berührung, die für dich da ist. Wenn du nur gibst, aber niemand dir zurückgibt, leert sich dein Tank.
3. Cortisol steigt Ohne Nachschub gerät dein System in Stress. Cortisol – das Stresshormon – steigt. Du wirst gereizter, müder, überforderter.
4. Der Milchfluss stockt Cortisol und Oxytocin sind Gegenspieler. Hoher Cortisol = niedriger Oxytocin. Niedriger Oxytocin = blockierter Milchspendereflex.
Und plötzlich verstehst du: Es hängt alles zusammen.
Du brauchst jemanden, der dich hält – nicht als Luxus, sondern damit dein Körper funktionieren kann.
Das Paradox erschöpfter Mütter
Es klingt paradox:
Du bist den ganzen Tag mit einem Menschen verbunden, der dich braucht. Und trotzdem bist du einsam.
Aber es ist nicht paradox. Es ist logisch.
Verbindung braucht Gegenseitigkeit
Wahre Verbindung ist keine Einbahnstraße. Sie erfordert Geben und Nehmen.
- Dein Baby kann dir nicht zurückgeben, was du gibst
- Es ist nicht seine Aufgabe, dich aufzufüllen
- Du bist der Erwachsene – du gibst, es nimmt
Das ist richtig so. Aber es bedeutet auch: Du brauchst jemand anderen, der dir gibt.
Einen Partner. Einen Freund. Jemanden, bei dem du nicht die Gebende bist.
Die Stimmen, die dich kleinhalten
Vielleicht hörst du sie:
“Sei doch dankbar.” “Andere Mütter schaffen das auch.” “Du hast so ein süßes Baby – wie kannst du unglücklich sein?” “Sei nicht so selbstsüchtig.”
Diese Stimmen – ob von außen oder in deinem Kopf – verstehen nicht, was in deinem Körper passiert.
Dein Bedürfnis, gehalten zu werden, ist kein Egoismus. Es ist Überleben.
Genauso wie du essen musst, um zu überleben, brauchst du Verbindung. Keine einseitige. Echte. Gegenseitige.
Was dein Körper wirklich will
Dein Körper will nicht:
- Mehr Verantwortung
- Mehr Tipps, wie du stärker sein kannst
- Mehr “Reiß dich zusammen”
- Noch ein Baby, das du halten musst
Dein Körper will:
Arme, die dich halten
Nicht das Baby – dich. Arme, die sagen: “Ich trage dich jetzt.”
Hände, die nicht erwarten
Nicht Hände, die wollen, dass du funktionierst. Hände, die einfach da sind.
Präsenz, die bleibt
Jemand, der nicht nach 5 Minuten geht. Der bleibt. Der aushält. Der einfach da ist.
Die Erlaubnis, schwach zu sein
Nicht stark. Nicht funktionierend. Nicht lächelnd. Einfach so, wie du bist – erschöpft, verletzlich, bedürftig.
Das ist, was fehlt. Und es ist kein Luxus.
Du darfst das wollen
Lass mich das klar sagen:
Du darfst wollen, gehalten zu werden.
Es ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist kein Egoismus. Es ist kein Versagen als Mutter.
Es ist ein biologisches Grundbedürfnis. Genauso real wie Hunger.
Wenn du dich schuldig fühlst, weil du nicht nur Gebende sein willst – hör auf damit. Du bist kein Automat. Du bist kein unendlicher Brunnen. Du bist ein Mensch, der menschliche Nähe braucht.
Nicht nur geben. Auch nehmen.
Die Frage, die du dir stellen solltest
Nicht: “Sollte ich nicht dankbar sein?”
Sondern: “Wer hält mich?”
Wenn die Antwort ist: Niemand.
Dann ist das keine Schwäche. Das ist ein Problem. Ein reales, körperliches, lösbares Problem.
Und du verdienst eine Lösung.
Ich bin hier
Ich verstehe diesen Unterschied. Ich verstehe, dass Halten und Gehalten-Werden zwei verschiedene Dinge sind.
Ich bin ein Mann, der halten kann – ohne zu erwarten, dass du funktionierst. Der bleibt – ohne zu wollen, dass du gibst. Der da ist – für dich, nicht für sich.
Wenn du bereit bist, auch mal zu nehmen statt nur zu geben:
Du hast genug gegeben. Es ist Zeit, auch zu nehmen.
FAQ: Geben und Nehmen verstehen
Warum bin ich erschöpft, obwohl ich “Nähe” habe?
Weil einseitige Nähe (nur geben) keine Erholung bringt. Dein System braucht Input, nicht nur Output. Ohne Auftanken erschöpft jede Beziehung.
Ist es falsch, gehalten werden zu wollen?
Absolut nicht. Es ist biologisch notwendig. Studien zeigen, dass einseitiges Caregiving (nur geben) zu Burnout und gesundheitlichen Problemen führt – auch bei Müttern.
Da ist jemand da, aber ich fühle mich trotzdem nicht gehalten. Warum?
Präsenz ist nicht gleich Halten. Wenn jemand zwar da ist, aber erwartet, dass du funktionierst, gibt er nicht das, was du brauchst. Halten bedeutet: Er übernimmt – ohne Erwartung an dich.
Was mache ich, wenn niemand da ist?
Erkenne zuerst, dass es ein echtes Bedürfnis ist – kein Luxus. Dann suche aktiv nach Verbindung. Das kann schwer sein. Aber warten, bis es “von allein” kommt, funktioniert selten.
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Wissenschaftliche Grundlagen: Das Konzept des “Caregiver Burden” (Belastung durch Fürsorge) ist gut erforscht. Figley (2002) beschrieb “Compassion Fatigue” als Erschöpfungszustand bei Menschen, die dauerhaft geben. Uvnäs-Moberg (2003) zeigte, dass Berührung Oxytocin freisetzt – aber nur, wenn sie empfangen wird. Alle Studien →