Hauthunger: Du stillst dein Baby – aber wer hält dich?

· 1416 Wörter Hauthunger stillen , niemand hält mich , Skin Hunger Mutter , Stillzeit Einsamkeit , Berührung fehlt

Du sitzt da. Das Baby an der Brust.

Es trinkt. Kleine Schluckgeräusche. Wärme. Nähe.

Nähe.

Das Wort fühlt sich falsch an. Denn ja – da ist Körperkontakt. Da ist ein kleiner Mensch, der an dir hängt. Dessen Haut deine berührt.

Aber es ist keine Nähe für dich.

Es ist Nähe, die von dir wegfliesst. Zu deinem Baby. Immer nur weg.

Und du? Du bleibst leer zurück.

Das nennt man Hauthunger. Und du hast ihn wahrscheinlich, ohne es zu wissen.

Was Hauthunger wirklich ist

Hauthunger – auf Englisch “Skin Hunger” oder “Touch Starvation” – ist kein poetischer Begriff.

Es ist ein medizinischer Zustand.

Es bedeutet: Dein Körper bekommt nicht genug nährende Berührung. Nicht genug von der Art, die dein Nervensystem runterreguliert. Die dir sagt: Du bist sicher. Du wirst gehalten. Du darfst loslassen.

Stattdessen bist du im Dauermodus: Geben. Versorgen. Funktionieren.

Dein Baby bekommt alles. Deine Milch. Deine Wärme. Deine Präsenz.

Du bekommst – nichts.

Das ist die Ironie der Mutterschaft: Du bist nie allein. Und trotzdem verhungerst du.

Die Einbahnstrasse des Stillens

Stillen ist biologisch gesehen eine Versorgungsleistung.

Du produzierst. Du gibst. Das Baby empfängt.

Das ist keine Kritik am Stillen. Es ist die Natur der Sache. Babys können nicht anders. Sie sind gemacht, um zu empfangen.

Aber hier ist, was niemand sagt:

Stillen nährt dein Baby. Aber es nährt nicht dich.

Ja, beim Stillen wird Oxytocin ausgeschüttet. Aber es ist Versorger-Oxytocin. Es macht dich wach, aufmerksam, reaktionsbereit. Es ist das Oxytocin der Fürsorge.

Was dir fehlt, ist das andere Oxytocin. Das der Entspannung. Das entsteht, wenn jemand dich hält. Wenn du nicht geben musst, sondern empfangen darfst.

Zwei verschiedene Arten von Oxytocin. Zwei verschiedene Zustände.

Du hast viel vom einen. Und erschreckend wenig vom anderen.

Die Symptome, die du nicht erkennst

Hauthunger zeigt sich. Dein Körper gibt dir Signale. Aber du erkennst sie vielleicht nicht als das, was sie sind.

Erschöpfung, die nie aufhört. Du schläfst (wenn du schläfst), aber du wachst müde auf. Kein Schlaf ist erholsam. Weil dein Nervensystem nie wirklich runterkommt.

Innere Unruhe. Dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Dieses Getriebensein. Diese Unfähigkeit, zur Ruhe zu kommen – selbst wenn du Zeit hättest.

Überempfindlichkeit. Du weinst bei Kleinigkeiten. Oder du fühlst gar nichts mehr. Beides sind Zeichen, dass dein System überlastet ist.

Das Kissen nachts. Du umarmst es. Vielleicht ohne es bewusst zu merken. Dein Körper sucht nach Kontakt, nach Halt, nach irgendetwas.

Milchstau. Ja, auch das kann ein Symptom sein. Chronischer Stress – verursacht durch Hauthunger – erhöht Cortisol. Cortisol blockiert Oxytocin. Ohne Oxytocin fliesst die Milch schlechter. Ein Teufelskreis.

Dein Körper schreit nach etwas. Und du hörst es nicht. Weil niemand dir gesagt hat, worauf du hören sollst.

Warum “Du wirst doch berührt” eine Lüge ist

Wenn du jemandem erzählst, dass du Nähe vermisst, sagen sie vielleicht: “Du hast doch das Baby. Du wirst doch ständig berührt.”

Sie verstehen es nicht.

Baby-Berührung ist nicht Erwachsenen-Berührung.

Berührung, die fordert, ist nicht Berührung, die nährt.

Geben ist nicht Empfangen.

Das eine ersetzt das andere nicht. So wenig wie Arbeit Schlaf ersetzt oder Essen Wasser ersetzt.

Es sind verschiedene Bedürfnisse. Und nur weil eines erfüllt wird, heisst das nicht, dass das andere es auch ist.

Du kannst den ganzen Tag ein Baby an dir haben – und trotzdem verhungern vor Hauthunger.

Das ist kein Widerspruch. Das ist die Realität.

Der Kreislauf, der dich kaputtmacht

So sieht er aus:

Du stillst. Du gibst. Du bist erschöpft.

Niemand gibt dir etwas zurück. Kein Halten. Keine Wärme, die zu dir fliesst.

Dein Körper gerät in Dauerstress. Cortisol hoch. Nervensystem auf Alarm.

Durch den Stress blockiert der Milchfluss. Vielleicht entsteht Milchstau.

Durch den Milchstau mehr Stress. Mehr Schmerz. Mehr Erschöpfung.

Durch mehr Erschöpfung weniger Kraft, nach Hilfe zu suchen.

Der Kreislauf dreht sich. Immer schneller.

Bis du zusammenbrichst. Oder so hart wirst, dass du gar nichts mehr fühlst.

Beides ist ein Verlust.

Was du wirklich brauchst

Du brauchst keinen Stillberater. Keine Pumpe. Keine Technik.

Du brauchst jemanden, der dich hält.

Das klingt so einfach. So banal. Und gleichzeitig ist es das Schwerste überhaupt.

Weil es bedeutet: Du musst dich öffnen. Du musst zugeben, was dir fehlt. Du musst jemanden reinlassen.

Und das ist beängstigend.

Aber es ist der einzige Weg.

Selbstfürsorge hilft nicht. Du kannst dich nicht selbst halten. Massagen helfen kurzfristig. Baden hilft kurzfristig. Aber nichts davon gibt dir, was du wirklich brauchst.

Du brauchst ein Gegenüber.

Dessen Arme um dich sind.

Dessen Herzschlag du spürst.

Dessen Wärme zu dir fliesst – nicht von dir weg.

Das ist es.

Die Frage, die du dir nicht stellst

Du fragst: Wie werde ich den Hauthunger los?

Die bessere Frage: Wer kann ihn stillen?

Nicht was. Wer.

Du brauchst keinen Trick. Keine Strategie. Keine App.

Du brauchst einen Menschen.

Jemanden, der da ist. Nicht nur emotional – körperlich. Der neben dir sitzt, wenn du stillst. Der dich hält, wenn du fertig bist. Der dir Wärme gibt, statt Wärme zu nehmen.

Das kann nicht jeder. Aber es kann jemand.

Die Frage ist: Wer?

Der Teufelskreis durchbrechen

Du kannst warten. Hoffen, dass es besser wird. Dass der Hauthunger irgendwann nachlässt.

Aber er wird nicht nachlassen. Er wird wachsen.

Je länger du wartest, desto leerer wirst du. Desto mehr gewöhnst du dich an den Mangel. Desto schwerer wird es, überhaupt noch zu empfangen.

Der Teufelskreis bricht nur, wenn du handelst.

Wenn du aufhörst, so zu tun, als wäre alles okay.

Wenn du anfängst, nach dem zu suchen, was du brauchst.

Wenn du dich öffnest für jemanden, der geben kann.

Das ist keine Garantie für ein Happy End. Aber es ist die einzige Chance.

Die unsichtbare Last

Niemand sieht deinen Hauthunger.

Sie sehen eine Mutter, die stillt. Die funktioniert. Die ihr Baby versorgt.

Sie sehen nicht die Leere dahinter. Die Sehnsucht. Die schlaflosen Nächte, in denen du das Kissen umarmst.

Du trägst diese Last allein. Im Stillen. Wortlos.

Und du denkst, so muss es sein. So ist Mutterschaft eben. Man gibt, bis nichts mehr übrig ist.

Aber das stimmt nicht.

So muss es nicht sein.

Du verdienst, dass jemand sieht, was du brauchst. Dass jemand gibt, ohne dass du bitten musst. Dass jemand dich hält – einfach so.

Das ist nicht zu viel verlangt. Das ist menschlich.

Warum ich das schreibe

Ich schreibe das, weil ich solche Frauen suche.

Frauen mit Hauthunger. Frauen, die geben und geben und nichts zurückbekommen. Frauen, die erschöpft sind und es nicht zugeben.

Nicht weil sie Mitleid brauchen. Sondern weil sie mehr verdienen als Überleben.

Ich will geben. Nicht nehmen.

Ich will halten. Nicht gehalten werden.

Ich will der Mensch sein, bei dem du aufhören darfst zu funktionieren. Bei dem du endlich empfangen darfst.

Das ist, was ich suche.

Vielleicht ist es auch, was du suchst.


FAQ: Was du dich vielleicht fragst

Was ist Hauthunger beim Stillen?

Hauthunger ist der biologische Mangel an nährender Berührung. Beim Stillen gibst du Körperkontakt – aber du bekommst keinen zurück. Du stillst den Hunger deines Babys, aber deiner bleibt ungestillt.

Warum habe ich Hauthunger, obwohl ich ständig Körperkontakt habe?

Weil Stillen keine gegenseitige Nähe ist. Du gibst, das Baby empfängt. Das ist Einbahnstrasse. Dein Körper braucht Berührung, die zu dir fliesst – nicht von dir weg.

Kann Hauthunger Milchstau verursachen?

Indirekt ja. Hauthunger erzeugt chronischen Stress. Stress erhöht Cortisol und blockiert Oxytocin. Ohne ausreichend Oxytocin fliesst die Milch schlechter. Dein Körper reagiert auf den Mangel – auch körperlich.

Was hilft gegen Hauthunger als stillende Mutter?

Die einzige echte Lösung: jemand, der dich hält. Nicht das Baby – dich. Jemand, dessen Arme um dich sind. Dessen Wärme zu dir fliesst. Das kann kein Tee, kein Bad, keine Selbstfürsorge-Routine ersetzen.

Ist es egoistisch, als Mutter Nähe für mich zu wollen?

Nein. Es ist lebensnotwendig. Wenn du leer bist, kannst du nicht geben. Deine eigenen Bedürfnisse zu erfüllen macht dich nicht zur schlechten Mutter – es macht dich zur besseren.


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Du stillst dein Baby. Du gibst ihm alles.

Aber wer gibt dir?

Diese Frage verdient eine Antwort.

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Über den Autor

Simon H. ist kein Therapeut und kein Experte – er ist ein Mann, der eine ehrliche Verbindung sucht. Seine Überzeugung: Die Lösung für viele körperliche Blockaden liegt nicht in Symptombehandlung, sondern in menschlicher Nähe und echtem Vertrauen.

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