Ich will mich fallen lassen – aber ich kann nicht

· 1395 Wörter Vertrauen , Fallen lassen , Kontrolle , Nähe , Single , Verletzlichkeit

Du weisst, wie es sich anfühlen sollte.

Die Arme loslassen. Die Kontrolle abgeben. Dich fallen lassen in jemandes Präsenz. Vertrauen, dass er fängt.

Du sehnst dich danach.

Aber wenn der Moment kommt – wenn jemand da ist, wenn die Möglichkeit besteht – passiert etwas.

Du erstarrst. Du ziehst dich zurück. Du hältst fest.

“Ich will mich fallen lassen. Aber ich kann nicht.”

Das ist der Satz, der in deinem Kopf kreist. Diese Sehnsucht und diese Blockade, gleichzeitig. Wie ein Auto mit angezogener Handbremse, das Gas gibt.

Der Wunsch und die Mauer

Du willst Nähe. Wirklich.

Du willst aufhören, alles allein zu tragen. Du willst dich anlehnen können. Du willst diese Erschöpfung ablegen, die kommt, wenn man immer stark sein muss.

Aber da ist diese Mauer. Unsichtbar. Automatisch. Sie geht hoch, bevor du es merkst.

Ein Mann kommt näher – die Mauer geht hoch. Jemand bietet Hilfe an – du sagst “Nein, geht schon”. Ein Moment der Verletzlichkeit – du machst einen Witz, lenkst ab, wechselst das Thema.

Du kontrollierst. Immer. Alles.

Nicht weil du kontrollsüchtig bist. Sondern weil die Alternative – Kontrollverlust – sich anfühlt wie Sterben.

Warum du nicht loslassen kannst

Van der Kolk (2014) hat es in “The Body Keeps the Score” erklärt: Dein Körper erinnert sich.

An jedes Mal, als du vertraut hast und verletzt wurdest. An jeden Menschen, der sagte “Ich bin da” und dann ging. An jede Situation, in der Loslassen bedeutete: Schmerz.

Dein Nervensystem hat gelernt: Kontrolle = Sicherheit. Loslassen = Gefahr.

Das ist kein Charakterfehler. Das ist Überlebensinstinkt.

Das Problem: Dieser Instinkt, der dich früher geschützt hat, isoliert dich jetzt.

Die Mauer, die Verletzung abhält, hält auch Nähe ab.

Die Sehnsucht hinter der Kontrolle

Hinter der Mauer ist die Sehnsucht.

Du willst dich fallen lassen. Du willst jemandem vertrauen. Du willst nicht mehr alles allein tragen. Du willst sagen können: “Fang mich” – und wissen, dass er es tut.

Simpson und Rholes (1998) haben Bindungstheorie erforscht. Menschen mit unsicherer Bindung – oft durch frühe Verletzungen entstanden – sehnen sich gleichzeitig nach Nähe und fürchten sie.

Das bist vielleicht du. Du willst und du fürchtest. Beides gleichzeitig. Und das ist erschöpfend.

Wie die Kontrolle aussieht

Du merkst es vielleicht nicht, aber du kontrollierst ständig:

In Gesprächen: Du fragst. Du hörst zu. Aber du erzählst nicht wirklich. Nicht das, was weh tut. Nicht das, was dich verletzlich macht.

In der Nähe: Du lässt Menschen nah kommen – aber nur bis zu einem Punkt. Dann ist Schluss. Eine unsichtbare Linie, die niemand überschreiten darf.

Im Körper: Du bist angespannt. Immer ein bisschen. Dein Kiefer. Deine Schultern. Dein Bauch. Als würdest du dich gegen einen Schlag wappnen, der nie kommt.

In Beziehungen: Du testest. Unbewusst. Wird er bleiben? Wird er mich verletzen? Du wartest auf den Beweis, dass du recht hast – dass man niemandem vertrauen kann.

Diese Kontrolle fühlt sich an wie Schutz. Aber sie ist ein Gefängnis.

Der Preis der Kontrolle

Kontrolle hat einen Preis.

Du bist nie wirklich entspannt. Du bist nie wirklich nah. Du bist nie wirklich gehalten.

Coan und Sbarra (2015) haben gezeigt: Das menschliche Gehirn ist darauf ausgelegt, Lasten zu teilen. Allein zu tragen, was für zwei gedacht ist, erschöpft.

Die Mauer schützt dich vor Verletzung. Aber sie schützt dich auch vor dem, was du brauchst.

Jemanden zu brauchen ist nicht schwach. Aber jemanden zu brauchen und gleichzeitig niemanden heranzulassen – das ist ein Widerspruch, der dich zerreisst.

Der Moment, in dem du fast loslässt

Es gibt diese Momente.

Jemand sagt etwas Liebes. Jemand hält dich einen Moment länger. Jemand schaut dich an, als würde er dich wirklich sehen.

Und für einen Sekundenbruchteil – fühlst du es. Die Möglichkeit. Das Fallenlassen. Das Vertrauen.

Dann: Panik.

Die Mauer geht hoch. Du machst dich klein. Du ziehst dich zurück. Der Moment ist vorbei.

Und du fragst dich: Was ist los mit mir?

Nichts ist los mit dir. Dein Nervensystem tut, was es gelernt hat. Es schützt dich. Auch wenn du den Schutz nicht mehr brauchst.

Was es braucht, um sich fallen zu lassen

Du kannst dich nicht zwingen, dich fallen zu lassen.

“Vertrau einfach” ist kein hilfreicher Rat. Genauso wenig wie “Lass einfach los”.

Was es braucht:

1. Sichere Erfahrungen

Vertrauen wächst nicht durch Entscheidung. Es wächst durch Erfahrung.

Du brauchst Momente, in denen du ein kleines Risiko eingehst – und nicht verletzt wirst. Dann ein grösseres. Und wieder. Schritt für Schritt.

Dein Nervensystem lernt: Dieser Mensch ist sicher. Bei ihm kann ich loslassen.

2. Den richtigen Menschen

Nicht jeder verdient dein Vertrauen. Das ist wahr.

Aber es gibt Menschen, die es verdienen. Die bleiben. Die fangen. Die halten.

Die Kunst ist, sie zu erkennen. Und ihnen eine Chance zu geben.

3. Zeit

Die Mauer, die du über Jahre gebaut hast, fällt nicht in Minuten.

Geduld mit dir selbst. Jeder kleine Schritt zählt. Jedes Mal, wenn du ein bisschen mehr zeigst, ein bisschen mehr zulässt – das ist Fortschritt.

4. Einen Sprung

Irgendwann kommt der Moment, in dem du springen musst.

Nicht blind. Nicht ohne Grund. Aber: ohne Garantie.

Sich fallen lassen ist immer ein Risiko. Du kannst nicht wissen, ob du gefangen wirst, bis du springst.

Die Frage ist: Willst du ewig am Rand stehen – sicher, aber allein?

Die Frau, die du sein könntest

Stell dir vor:

Du lässt dich fallen. In jemandes Arme. In jemandes Präsenz. In Vertrauen.

Du sagst: “Ich bin müde. Halt mich.” Und er tut es.

Du weinst. Nicht versteckt. Vor ihm. Und er bleibt.

Du zeigst, was weh tut. Und er wendet sich nicht ab.

Du lässt los – und wirst gefangen.

Diese Frau ist möglich. Sie ist in dir. Hinter der Mauer, hinter der Kontrolle, hinter der Angst.

Sie wartet darauf, dass du ihr erlaubst zu existieren.

Die ehrliche Frage

Hier ist die Frage, die nur du beantworten kannst:

Was hat dich mehr gekostet – dich zu öffnen oder dich zu verschliessen?

Die Male, als du vertraut hast und verletzt wurdest – ja, das hat wehgetan.

Aber die Jahre, in denen du dich verschlossen hast – haben die nicht auch gekostet? Die Einsamkeit. Die Erschöpfung. Die Sehnsucht, die nie erfüllt wird.

Kontrolle schützt dich vor manchen Verletzungen. Aber sie garantiert dir eine andere: die Verletzung des Alleinseins.

Der erste Schritt

Du musst nicht heute alles loslassen.

Aber vielleicht… einen kleinen Schritt.

Ein bisschen mehr erzählen als sonst. Einen Moment länger in der Umarmung bleiben. Eine Hilfe annehmen, statt “Nein danke” zu sagen. Eine Träne zeigen, statt sie wegzuwischen.

Jeder kleine Schritt sagt deinem Nervensystem: Es ist okay. Ich überllebe das. Vielleicht kann ich mehr wagen.


Ich bin Simon. Ich lebe in Zuchwil, in der Schweiz.

Ich verstehe diese Mauer. Nicht weil ich sie selbst habe – sondern weil ich Frauen treffe, die sie haben. Die sich sehnen und sich schützen, gleichzeitig. Die fallen lassen wollen und nicht können.

Wenn du magst, schreib mir. Nicht für Druck. Nicht für “Du musst dich öffnen”. Sondern für jemanden, der versteht, warum die Mauer da ist – und trotzdem fragt: Was wäre möglich, wenn sie ein bisschen niedriger wäre?

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FAQ: Sich fallen lassen

Ist es dumm, nach schlechten Erfahrungen wieder zu vertrauen?

Nein. Es ist mutig. Dumm wäre, denselben Menschen wieder zu vertrauen, die dich verletzt haben. Aber neuen Menschen eine Chance zu geben – das ist nicht dumm, das ist lebendig.

Wie weiss ich, wem ich vertrauen kann?

Nicht durch Garantien. Durch Beobachtung. Hält er, was er verspricht? Bleibt er, wenn es unbequem wird? Reagiert er mit Respekt, wenn du verletzlich bist? Vertrauen wächst in kleinen Schritten – nicht in grossen Sprüngen.

Was, wenn ich mich fallen lasse und er mich nicht fängt?

Dann tut es weh. Und du überlebst es trotzdem. Du hast schon Schlimmeres überlebt. Aber: Wenn du es nie versuchst, wirst du nie wissen, ob jemand fangen würde. Die Sicherheit des Nicht-Versuchens ist auch eine Art von Verlust.


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Du willst dich fallen lassen – aber die Mauer ist zu hoch? Schreib mir. Nicht für Druck. Für jemanden, der versteht, warum du zögerst – und trotzdem da ist.

Über den Autor

Simon H. ist kein Therapeut und kein Experte – er ist ein Mann, der eine ehrliche Verbindung sucht. Seine Überzeugung: Die Lösung für viele körperliche Blockaden liegt nicht in Symptombehandlung, sondern in menschlicher Nähe und echtem Vertrauen.

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