Du liegst nachts wach. Dein Herz hämmert. Deine Brust spannt so sehr, dass du kaum atmen kannst.
Du versuchst, dich zu beruhigen. “Entspann dich. Es muss fliessen.”
Aber dein Körper gehorcht nicht. Er ist auf Hochalarm. Als ob Gefahr lauert. Aber da ist keine Gefahr. Nur du, allein im Bett. Das Ticken der Uhr. Das Atmen des Babys im Nebenzimmer. Und dieser Druck, der nicht nachlässt.
Du hast alles versucht. Warme Dusche. Tiefes Atmen. Positive Gedanken. Du hast dir gesagt: “Es ist alles gut. Entspann dich einfach.” Aber je mehr du es versuchst, desto angespannter wirst du.
Das ist kein Zufall. Es ist Biologie. Der Schlüssel liegt in der Ursache, nicht im Symptom.
Ich werde dir jetzt erklären, warum dein Körper so reagiert. Und warum es biologisch unmöglich ist, den Milchfluss zu erzwingen, wenn dein Nervensystem im falschen Modus läuft.
Die Szene um 3 Uhr nachts
Es ist 3:14 Uhr. Du sitzt auf der Bettkante, die Hände auf der heissen, harten Brust. Das Baby hat gerade getrunken, aber es hat nicht geholfen. Der Knoten ist immer noch da. Härter als zuvor.
Du stehst auf, gehst ins Badezimmer, starrst dein Spiegelbild an. Müde Augen. Fettige Haare. Ein Körper, der sich anfühlt wie eine Kampfzone.
“Was ist los mit mir?”, fragst du dich. “Warum entspannt sich nichts?”
Du greifst zur Pumpe. Das mechanische Summen beginnt. Rrrt. Rrrt. Rrrt. Aber nichts kommt. Nur Tropfen. Dein Körper weigert sich.
Das liegt nicht an dir. Das liegt nicht an der Pumpe. Das liegt an deinem Nervensystem.
Kampf oder Flucht: Dein innerer Säbelzahntiger
Vor 100.000 Jahren war die Welt gefährlich. Wenn eine Mutter einem Raubtier gegenüberstand, musste ihr Körper sofort entscheiden: Kämpfen oder fliehen?
Dafür gibt es den Sympathikus – den Teil deines autonomen Nervensystems, der für Notfälle zuständig ist.
Wenn der Sympathikus aktiv ist:
- Steigt der Blutdruck
- Spannen sich die Muskeln an
- Schiesst Adrenalin und Cortisol ins Blut
- Verengen sich die Blutgefässe in der Brust
- Stoppt der Milchfluss
Warum stoppt er? Weil Stillen Zeit braucht. Auf der Flucht vor einem Tiger ist “Stillen” ein Luxus, der dich das Leben kosten könnte. Dein Körper priorisiert Überleben vor Nahrung. Das ist keine Fehlfunktion – das ist eine geniale Überlebensstrategie.
Nur: Heute gibt es keine Tiger mehr.
Aber es gibt:
- Schlafmangel, der sich anfühlt wie Folter
- Ein schreiendes Baby, das nicht aufhört
- Einsamkeit, die schwerer wiegt als jede körperliche Last
- Existenzängste, die um 3 Uhr nachts am lautesten sind
- Die ständige Angst, zu versagen
Dein Körper kann nicht unterscheiden zwischen “Tiger” und “Haushalts-Stress”. Für dein Stammhirn ist Gefahr Gefahr. Und auf Gefahr reagiert es immer gleich: Es macht dicht.
Das Cortisol-Problem: Warum dein Körper blockiert
Cortisol ist das Stresshormon. Oxytocin ist das Kuschel- und Stillhormon.
Diese beiden sind wie Wasser und Feuer. Sie können nicht gleichzeitig im selben Raum sein.
Wenn dein Cortisolspiegel hoch ist, passiert folgendes:
- Oxytocin wird chemisch unterdrückt
- Die glatte Muskulatur um die Milchgänge entspannt sich nicht
- Der Milchspendereflex kann nicht auslösen
- Die Milch bleibt in den Zellen gefangen
Du kannst so viel pumpen, wie du willst. Du kannst die perfekte Technik anwenden. Wenn kein Oxytocin da ist, bleibt die Tür zu.
Das Ergebnis: Milchstau.
Und hier beginnt der Teufelskreis:
- Milchstau erzeugt Schmerzen
- Schmerz erzeugt Stress
- Stress erhöht Cortisol
- Mehr Cortisol blockiert mehr Oxytocin
- Die Milch staut sich noch mehr
Du drehst dich im Kreis. Und je mehr du dich anstrengst, desto schlimmer wird es.
Warum “Entspann dich mal” der nutzloseste Rat ist
Du hast es gehört. Von der Hebamme. Von deiner Mutter. Von deinem Partner, falls er da ist.
“Du musst dich einfach entspannen.”
Als ob Entspannung ein Lichtschalter wäre. Als ob du einfach entscheiden könntest, nicht mehr gestresst zu sein.
Hier ist die Wahrheit: Man kann sich nicht auf Befehl entspannen.
Entspannung ist keine Entscheidung des Kopfes. Es ist ein Zustand des Körpers. Und dieser Zustand wird vom Parasympathikus gesteuert – dem Gegenspieler des Sympathikus.
Der Parasympathikus ist zuständig für:
- Verdauung
- Erholung
- Heilung
- Milchfluss
Aber der Parasympathikus kann nicht aktiv werden, solange der Sympathikus auf Hochtouren läuft. Es ist wie bei einem Auto: Du kannst nicht gleichzeitig Gas geben und bremsen.
Dein Körper muss verstehen, dass die Gefahr vorbei ist. Und dieses Verstehen kommt nicht aus dem Kopf. Es kommt aus dem Nervensystem.
Die Polyvagal-Theorie: Warum du ein Gegenüber brauchst
Der Neurowissenschaftler Stephen Porges hat etwas Revolutionäres entdeckt: Dein Nervensystem ist sozial verdrahtet.
Das bedeutet: Es reagiert nicht nur auf äussere Gefahren (Tiger, Lärm, Schmerz). Es reagiert vor allem auf soziale Signale.
- Die Stimme eines vertrauten Menschen → Entspannungssignal
- Eine warme Berührung → Oxytocin-Ausschüttung
- Augenkontakt → Aktivierung des “sicheren” Modus
- Allein sein → Alarmmodus
Evolutionär macht das Sinn. Ein Mensch allein in der Savanne = Gefahr. Ein Mensch in der Gruppe = Sicherheit.
Dein Körper hat das nicht vergessen. Er ist immer noch verdrahtet wie vor 100.000 Jahren. Und wenn du allein bist – wirklich allein, ohne jemanden, der dich hält – bleibt er im Alarmmodus.
Co-Regulation: Was Babys können und Mütter brauchen
Babys können sich nicht selbst beruhigen. Wenn ein Baby schreit, braucht es die Mutter. Ihre Stimme, ihre Wärme, ihren Herzschlag. Das Baby “leiht” sich das ruhige Nervensystem der Mutter, um sein eigenes zu regulieren.
Das nennt man Co-Regulation.
Aber hier ist, was niemand dir sagt: Mütter sind auch nur Säugetiere.
Auch du kannst dich in extremen Stresssituationen nicht alleine beruhigen. Dein Nervensystem braucht ein Gegenüber. Einen stabilen Menschen, an dem es sich orientieren kann.
Wie ein Schiff, das im Sturm einen Anker braucht.
Wenn ein ruhiger, stabiler Mensch den Raum betritt und dich hält, passiert etwas Magisches – das aber reine Biologie ist:
- Sein Nervensystem sendet Signale an deines
- “Es ist sicher. Du kannst runterfahren.”
- Dein Herzschlag synchronisiert sich mit seinem
- Dein Atem wird tiefer
- Dein Cortisol sinkt
- Dein Oxytocin steigt
Und plötzlich – ohne dass du irgendetwas “tust” – entspannt sich dein Körper. Der Knoten löst sich. Die Milch fliesst.
Das Experiment, das alles beweist
Der Neurowissenschaftler James Coan hat 2006 ein faszinierendes Experiment durchgeführt:
Frauen wurden in einen MRT-Scanner gelegt. Man kündigte ihnen leichte Elektroschocks an – nicht gefährlich, aber unangenehm. Die Forscher massen die Gehirnaktivität (Stressreaktion).
Die Ergebnisse waren eindeutig:
- Allein im Scanner: Maximale Stressreaktion. Das Gehirn leuchtete auf wie ein Weihnachtsbaum.
- Hand eines Fremden halten: Etwas weniger Stress. Leichte Beruhigung.
- Hand des Partners halten: Drastisch reduzierte Stressreaktion. Das Gehirn reagierte, als wäre die Gefahr viel kleiner.
Nur weil jemand Vertrautes da war.
Das ist keine Einbildung. Das ist messbar. Dein Körper weiss: Zusammen bin ich sicherer.
Was das konkret für deinen Milchstau bedeutet
Der Milchspendereflex wird von Oxytocin gesteuert. Oxytocin ist das “Bindungshormon”. Und Bindung entsteht durch Präsenz eines anderen Menschen.
Wenn du allein bist:
- Dein Nervensystem bleibt im Alarm
- Cortisol blockiert Oxytocin
- Der Milchspendereflex wird gehemmt
- Die Milch staut sich
Wenn jemand da ist, dem du vertraust:
- Dein Nervensystem schaltet auf “sicher”
- Oxytocin steigt
- Cortisol sinkt
- Die Milch fliesst
Es ist keine Esoterik. Es ist Biochemie.
Die Tragik der modernen Mutterschaft
Unsere Grossmütter hatten etwas, das wir verloren haben:
- Mehrere Generationen unter einem Dach
- Nachbarinnen, die jederzeit einsprangen
- Dorfgemeinschaften, die sich kümmerten
- Immer jemand, der da war
Heute sitzt du allein in einer Wohnung. Vielleicht in der Schweiz, wo man nicht klagt und alles “schaffen” muss. Du “solltest” es allein können. Du “darfst” nicht schwach sein.
Aber dein Nervensystem funktioniert noch wie vor 100.000 Jahren. Es wartet auf das Signal: “Jemand ist da. Du bist sicher.”
Und dieses Signal kommt nicht.
Also bleibt es im Alarm. Also staut sich die Milch. Also wirst du noch erschöpfter.
Warum Pumpen, Quark und Wärme nicht reichen
Alle diese Methoden sind nicht falsch. Wärme erweitert die Milchgänge. Massage kann helfen. Die Pumpe erzeugt Unterdruck.
Aber sie alle behandeln nur das mechanische Problem.
Was sie nicht behandeln: Dein Nervensystem.
Solange du im Kampf-oder-Flucht-Modus bist, kämpfst du gegen eine geschlossene Tür. Du kannst so viel Wärme auflegen, wie du willst – wenn kein Oxytocin da ist, bleibt der Reflex blockiert.
Die Lösung ist nicht noch mehr Technik. Die Lösung ist: Jemand, der da ist.
Simon: Dein Anker im Sturm
Genau das ist meine Aufgabe.
Ich bin nicht der Arzt, der Medikamente verschreibt. Ich bin nicht der Therapeut, der analysiert.
Ich bin der Co-Regulator.
Wenn ich anbiete, dich zu entleeren, biete ich in erster Linie mein Nervensystem an. Meine Ruhe. Meine Stabilität. Meine Präsenz.
Ich halte den Raum, damit dein Körper verstehen kann: “Der Tiger ist weg. Es ist sicher.”
Oft passiert es, dass Frauen in meinen Armen einschlafen, noch bevor wir richtig angefangen haben. Weil die Erschöpfung endlich Raum haben darf. Weil ihr Körper endlich das Signal bekommt, auf das er so lange gewartet hat.
Und in diesem Schlaf, in dieser tiefen Sicherheit, löst sich oft der Knoten wie von selbst.
Ich lebe in Zuchwil, Kanton Solothurn in der Schweiz. Wenn du bereit bist, dein Nervensystem endlich zur Ruhe kommen zu lassen: Mehr über mich →
FAQ: Nervensystem und Stress
Warum hilft Abpumpen nicht gegen Stress?
Pumpen ist mechanisch. Es löst selten die gleiche Oxytocin-Welle aus wie Hautkontakt oder das Baby. Wenn du gestresst pumpst, kämpfst du gegen deinen eigenen Körper. Die Pumpe kann den Stau lindern, aber nicht die Ursache lösen.
Kann ich meinen Vagusnerv selbst beruhigen?
Teilweise. Tiefes Atmen (länger ausatmen als einatmen), Summen, kaltes Wasser im Gesicht – das kann helfen, den Vagusnerv zu stimulieren. Aber bei hohem Stresslevel (Panik, Schmerz, chronische Überlastung) ist Co-Regulation durch einen vertrauenswürdigen Menschen viel effektiver.
Ist Stress wirklich die Hauptursache für Milchstau?
Nicht immer die einzige, aber oft die treibende Kraft, die verhindert, dass der Stau abfliesst. Anatomische Faktoren spielen auch eine Rolle, aber Entspannung ist fast immer ein Schlüssel zur Lösung.
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- Warum du männliche Energie brauchst
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Wissenschaftliche Grundlagen: Die Polyvagal-Theorie erklärt, warum soziale Sicherheit notwendig für Entspannung ist: Studien lesen →