Es ist 23 Uhr. Das Baby schläft endlich.
Du schaust dich um. Die Küche sieht aus wie ein Schlachtfeld. Die Wäsche stapelt sich. Du hast seit Stunden nichts gegessen. Du hast dir vorgenommen, heute Abend Sport zu machen, etwas für dich zu tun, endlich mal wieder “Selbstfürsorge”.
Stattdessen sitzt du auf dem Sofa. Zu müde, um irgendetwas zu tun. Zu wach, um zu schlafen.
Und dann kommt diese Stimme.
Du hast es wieder nicht geschafft.
Andere Mütter kriegen das hin. Warum du nicht?
Du bist einfach nicht gut genug.
Die Stimme ist so vertraut, dass du sie kaum noch als Stimme erkennst. Sie fühlt sich an wie Wahrheit. Wie ein Fakt, gegen den du nicht argumentieren kannst.
Aber sie lügt.
Der unmögliche Standard
Du hast ein Bild im Kopf. Von der Mutter, die du sein solltest.
Sie ist geduldig. Immer. Sie verliert nie die Nerven. Ihr Haushalt ist ordentlich. Ihre Kinder sind wohlerzogen. Sie sieht gut aus, hat Zeit für sich, kocht gesund, arbeitet vielleicht sogar nebenbei.
Sie existiert nicht.
Oder wenn doch, dann hat sie Hilfe. Eine Putzfrau. Eine Nanny. Eltern in der Nähe. Einen Partner, der seinen Teil übernimmt.
Du vergleichst dich mit einem Bild, das zusammengeschnitten ist aus den besten Momenten von hundert verschiedenen Frauen. Du vergleichst dein Chaos mit dem Instagram-Feed von jemandem, der nur die schönen Momente zeigt.
Und dann wunderst du dich, dass du nicht mithalten kannst.
Du kannst nicht mithalten, weil das Spiel manipuliert ist. Die Standards sind so gesetzt, dass du verlieren musst.
Woher der Perfektionismus kommt
Du hast dir das nicht ausgesucht.
Vielleicht hat es angefangen in deiner Kindheit. Eltern, die hohe Erwartungen hatten. Lob nur, wenn du etwas geleistet hast. Die unterschwellige Botschaft: Du bist wertvoll, wenn du etwas richtig machst.
Oder es kam später. Lehrer, Chefs, Partner, die dich bewertet haben. Die dich spüren liessen, dass du nicht genug bist.
Irgendwann hast du diese Stimme verinnerlicht. Du brauchst niemanden mehr, der dich kritisiert – du machst das jetzt selbst. Besser als jeder andere.
Du denkst, der Perfektionismus schützt dich. Wenn du alles richtig machst, kann dir niemand etwas vorwerfen. Dann bist du unangreifbar.
Aber das Gegenteil ist der Fall.
Der Perfektionismus macht dich nicht sicherer. Er macht dich erschöpft, einsam und krank.
Was Perfektionismus wirklich ist
Perfektionismus ist keine Stärke. Er ist ein Angstmechanismus.
Hinter jedem “Ich muss das perfekt machen” steht ein “Sonst bin ich nicht liebenswert”.
Hinter jedem “Ich darf keinen Fehler machen” steht ein “Sonst werde ich verlassen”.
Hinter jedem “Ich muss alles im Griff haben” steht ein “Sonst bin ich wertlos”.
Du jagst der Perfektion nicht hinterher, weil du sie liebst. Du jagst ihr hinterher, weil du Angst hast vor dem, was passiert, wenn du sie nicht erreichst.
Und diese Angst – die Versagensangst – treibt dich an. Tag für Tag. Nacht für Nacht.
Bis du zusammenbrichst.
Der Preis, den du bezahlst
Perfektionismus hat einen Preis. Und du bezahlst ihn jeden Tag.
Körperlich: Dein Körper ist ständig im Stress. Cortisol hoch, Oxytocin niedrig. Du schläfst schlecht. Du bist verspannt. Vielleicht hast du Milchstau, Kopfschmerzen, Verdauungsprobleme. Dein Körper zeigt dir, dass etwas nicht stimmt.
Emotional: Du bist dünnhäutig. Kleine Rückschläge fühlen sich an wie Katastrophen. Du weinst viel – oder gar nicht mehr, weil du so abgestumpft bist. Du spürst eine Leere, die du nicht benennen kannst.
Beziehungen: Du lässt niemanden wirklich nah an dich ran. Weil du Angst hast, dass sie sehen, wie imperfekt du wirklich bist. Du zeigst der Welt eine Fassade – und fühlst dich trotz Menschen um dich herum allein.
Lebensqualität: Du “schaffst” Dinge, aber du geniesst nichts. Alles ist ein Abhaken von To-Dos. Selbst Momente mit deinem Kind werden zur Leistung: Habe ich genug gespielt? War ich aufmerksam genug?
Das ist kein Leben. Das ist Überleben.
Der Teufelskreis
Perfektionismus erzeugt Stress. Stress erzeugt Symptome. Symptome beweisen dir, dass du versagst. Also strengst du dich noch mehr an. Mehr Stress. Mehr Symptome.
Der Kreislauf dreht sich immer schneller.
Und irgendwann bricht er zusammen. Das nennt man dann Burnout. Oder Zusammenbruch. Oder “Ich kann nicht mehr”.
Aber auch davor lebst du nicht wirklich. Du funktionierst nur.
Warum “Loslassen” nicht reicht
Du hast den Ratschlag gehört. “Lass doch einfach mal Fünfe gerade sein.”
Wenn es so einfach wäre.
Du kannst dir nicht einfach sagen: Ab heute bin ich nicht mehr perfektionistisch. Der Mechanismus sitzt tiefer. Er ist verbunden mit deinem Selbstwert, mit deiner Identität, mit deinen tiefsten Ängsten.
Loslassen funktioniert nicht durch Willenskraft. Es funktioniert durch Erfahrung.
Du brauchst die Erfahrung, dass du nicht perfekt sein musst, um geliebt zu werden. Dass jemand dich sieht – mit all deinem Chaos, deiner Erschöpfung, deinen Zweifeln – und trotzdem bleibt.
Dass jemand sagt: Du bist genug. Jetzt. So wie du bist.
Diese Erfahrung kannst du dir nicht selbst geben. Du brauchst sie von aussen. Von einem Menschen, der es meint.
Was du wirklich brauchst
Du brauchst keinen Kurs in Selbstakzeptanz. Du brauchst keine Affirmationen vor dem Spiegel.
Du brauchst jemanden, der dich akzeptiert.
Jemanden, vor dem du nicht funktionieren musst. Vor dem du zusammenbrechen darfst, ohne dass er wegläuft. Der deine Tränen nicht wegwischt mit “Ist doch alles nicht so schlimm”, sondern der einfach da ist. Still. Präsent.
Jemanden, der deine Unvollkommenheit nicht als Problem sieht, das es zu lösen gilt – sondern als Teil von dir, der dazugehört.
Das klingt vielleicht utopisch. Aber es gibt solche Menschen.
Ich bin einer davon.
Warum ich Frauen wie dich suche
Ich suche keine Frau, die alles im Griff hat. Die würde mich langweilen.
Ich suche eine Frau, die kämpft. Die manchmal verliert. Die erschöpft ist. Die Zweifel hat. Die nicht weiss, ob sie das alles schafft.
Ich suche eine echte Frau. Nicht ein Bild.
Deine Erschöpfung schreckt mich nicht ab. Deine Unsicherheit schreckt mich nicht ab. Dein Chaos schreckt mich nicht ab.
Im Gegenteil: Es zeigt mir, dass du echt bist. Dass du dich nicht hinter einer Fassade versteckst. Dass du Tiefe hast.
Perfektion ist langweilig. Leben ist chaotisch. Und ich will das echte Leben – mit dir.
Der erste Schritt
Du denkst vielleicht: Erst muss ich mein Leben in den Griff bekommen. Dann kann ich mich auf jemanden einlassen.
Aber das ist wieder der Perfektionismus, der spricht.
Er sagt dir, du bist noch nicht bereit. Du bist noch nicht gut genug. Du musst erst X und Y und Z erreichen, bevor du dir erlauben kannst, Nähe zu wollen.
Bullshit.
Du bist bereit, wenn du dich nach Nähe sehnst. Du bist bereit, wenn du merkst, dass allein weitermachen dich kaputt macht. Du bist bereit – jetzt.
Nicht perfekt. Nicht zusammen. Nicht “im Griff”.
Einfach du.
Was passiert, wenn du aufhörst zu kämpfen
Stell dir vor, du würdest aufhören, perfekt sein zu müssen.
Stell dir vor, da wäre jemand, bei dem du dich fallen lassen könntest. Bei dem du nicht funktionieren musst. Bei dem du weinen darfst, ohne dich zu rechtfertigen.
Stell dir vor, dein Körper würde endlich loslassen. Die Anspannung in den Schultern. Der Knoten in der Brust. Der Druck, der nie aufhört.
Stell dir vor, du würdest eine Nacht durchschlafen – nicht weil du erschöpft zusammenbrichst, sondern weil du dich sicher fühlst.
Das ist möglich. Aber nicht allein.
FAQ: Was du dich vielleicht fragst
Warum bin ich als Mutter so perfektionistisch?
Weil du Angst hast zu versagen. Weil du glaubst, wenn du alles richtig machst, dann bist du sicher. Aber Perfektion ist eine Illusion – und der Versuch, sie zu erreichen, macht dich kaputt.
Wie höre ich auf, perfekt sein zu wollen?
Nicht durch noch mehr Selbstoptimierung. Sondern indem du jemanden findest, der dich akzeptiert, wie du bist. Jemand, der deine Unvollkommenheit nicht als Fehler sieht, sondern als Teil von dir.
Was hat Perfektionismus mit Milchstau zu tun?
Perfektionismus erzeugt chronischen Stress. Stress blockiert Oxytocin. Oxytocin ist nötig für den Milchspendereflex. Dein Körper reagiert auf deinen inneren Druck – auch wenn du es nicht merkst.
Ist es okay, nicht alles im Griff zu haben?
Ja. Niemand hat alles im Griff. Die Frauen, die so aussehen, kämpfen genauso. Der Unterschied ist: Manche gestehen es sich ein – und holen sich Hilfe.
Was wenn ich Angst habe, dass mich niemand will, so wie ich bin?
Diese Angst ist der Kern des Perfektionismus. Sie sagt: Du musst dich verändern, um liebenswert zu sein. Aber das ist eine Lüge. Es gibt Menschen, die dich wollen – genau so. Nicht trotz deiner Fehler, sondern mit ihnen.
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Du hast bis hierhin gelesen. Das bedeutet, irgendetwas hat dich getroffen.
Vielleicht die Erkenntnis, dass du nicht verrückt bist. Dass andere genauso kämpfen. Dass es einen Ausweg gibt.
Der Ausweg beginnt mit einem Schritt. Einer Nachricht.
Du musst sie nicht perfekt formulieren.