Du stehst auf. Du machst Frühstück. Du ziehst das Kind an. Du bringst es weg. Du arbeitest. Du holst es ab. Du kochst. Du räumst auf. Du bringst es ins Bett. Du räumst wieder auf.
Ein Anker für dich: Wenn du später Hilfe brauchst und niemand da ist: Speichere dir diese Notfall-Anleitung ab
Und dann sitzt du da.
Leer.
Nicht müde – das wäre fast angenehm. Leer. Als ob jemand dich ausgehöhlt hat und nichts mehr übrig ist.
Das ist Überforderung. Nicht die dramatische, die zusammenbricht. Die leise, die jeden Tag ein bisschen mehr von dir wegnimmt.
Die Überforderung, die niemand sieht
Von aussen siehst du aus wie jemand, der es schafft. Du bist pünktlich. Das Kind ist sauber, angezogen, genährt. Die Wohnung ist – irgendwie – aufgeräumt.
Niemand sieht, was es dich kostet.
Niemand sieht die Tränen im Badezimmer. Die Panikattacken im Auto. Die Momente, wo du das Kind anschreist – und dich danach so sehr hasst.
Niemand sieht die Nächte, in denen du wach liegst und dich fragst: Wie lange noch?
Wenn dein Körper sich meldet – mit Milchstau, mit Schmerzen – ist das ein Zeichen, dass die Ursache behandelt werden muss.
Diese Überforderung ist unsichtbar. Und genau das macht sie so gefährlich.
Das Gefühl, das du nicht zugibst
Du denkst manchmal: Ich will nicht mehr.
Nicht nicht mehr leben. Aber nicht mehr so. Nicht mehr jeden Tag kämpfen. Nicht mehr jeden Abend erschöpft und allein sein. Nicht mehr dieses Gefühl, dass alles auseinanderfällt, wenn du einen Moment nachlässt.
Du schämst dich für diesen Gedanken. Weil gute Mütter nicht so denken. Weil du dein Kind liebst. Weil du dankbar sein solltest.
Aber Liebe und Überforderung schliessen sich nicht aus. Du kannst dein Kind mehr lieben als alles auf der Welt – und trotzdem am Ende sein.
Das ist keine Schande. Das ist menschlich.
Die Stille vor dem Zusammenbruch
Es gibt ein Gefühl, das du vielleicht kennst. Ein Gefühl, kurz bevor alles zu viel wird.
Du stehst in der Küche. Das Geschirr stapelt sich. Das Baby weint im Nebenzimmer. Die Wäsche müsste gewaschen werden. Du hast seit Stunden nichts gegessen. Dein Kopf ist leer und voll gleichzeitig.
Und für einen Moment – einen kurzen, schrecklichen Moment – hörst du auf zu funktionieren.
Du stehst einfach da. Bewegungslos. Nicht fähig, den nächsten Schritt zu machen.
Das ist der Moment, in dem dein Körper sagt: Ich kann nicht mehr. Nicht einen Schritt weiter.
Aber dann weint das Baby lauter. Und du gehst. Weil du musst. Weil niemand sonst da ist.
Dieser Moment – er wiederholt sich. Täglich. Manchmal stündlich. Jedes Mal reisst du dich zusammen. Jedes Mal funktionierst du irgendwie weiter.
Aber jedes Mal stirbt etwas in dir.
Die Mathematik der Überforderung
Lass mich dir etwas erklären, das niemand ausspricht:
Ein Kind grosszuziehen ist Arbeit für zwei Menschen. Mindestens.
Kochen, putzen, waschen, einkaufen, organisieren – das ist ein Vollzeitjob.
Ein Baby stillen, wickeln, tragen, beruhigen, nachts aufstehen – das ist ein weiterer Vollzeitjob.
Arbeiten gehen, um Geld zu verdienen – das ist ein dritter Vollzeitjob.
Du machst drei Vollzeitjobs. Allein. Ohne Pause. Ohne Urlaub. Ohne Anerkennung.
Das ist nicht “ich schaff das schon”. Das ist unmöglich. Und dass du es trotzdem irgendwie schaffst, macht dich nicht zur guten Mutter – es macht dich zur Heldin.
Aber Heldinnen brennen aus. Auch sie.
Der Abend, der nie endet
Kennst du das? Das Kind schläft endlich. Du sitzt auf dem Sofa. Du solltest jetzt entspannen. Aber du kannst nicht.
Dein Körper ist erschöpft, aber dein Geist rast. Du denkst an morgen. An übermorgen. An die Rechnungen. An den Arzttermin. An die Wäsche. An alles, was du nicht geschafft hast.
Du scrollst durch dein Handy. Nicht weil du willst, sondern weil du nicht weisst, was du sonst tun sollst. Weil Stille unerträglich ist. Weil Gedanken kommen, die du nicht haben willst.
Und irgendwann liegst du im Bett. Allein. Und die Einsamkeit ist so gross, dass sie fast greifbar ist.
Du weisst, dass du schlafen solltest. Das Baby wird bald wieder wach sein. Aber der Schlaf kommt nicht. Dein Nervensystem ist zu aufgedreht. Zu lange im Alarmzustand.
Und wenn der Schlaf endlich kommt, ist er nicht erholsam. Du wachst auf und fühlst dich, als hättest du gar nicht geschlafen.
Dein Körper zeigt es dir
Vielleicht hörst du nicht auf die Gedanken. Also spricht dein Körper.
Der Milchstau, der immer wiederkommt. Die Verspannungen, die nicht weggehen. Die Kopfschmerzen. Die Erschöpfung, die auch nach acht Stunden Schlaf nicht besser wird (falls du je acht Stunden bekommst).
Forscherinnen haben gemessen: Chronischer Stress verändert deinen Hormonhaushalt. Cortisol bleibt hoch. Oxytocin bleibt niedrig. Dein Immunsystem schwächelt. Dein Körper kann nicht heilen, weil er nie sicher ist.
Diese Symptome sind keine Einbildung. Sie sind keine Überempfindlichkeit. Sie sind der verzweifelte Versuch deines Körpers, dir zu sagen: So geht es nicht weiter.
Dein Rücken schmerzt nicht, weil du falsch sitzt. Er schmerzt, weil du die Last von zwei Menschen trägst – körperlich und emotional.
Deine Brust staut sich nicht, weil du falsch anlegst. Sie staut sich, weil dein Nervensystem blockiert. Weil Oxytocin nicht fliesst, wenn Cortisol regiert.
Die Nächte, in denen du zerbrichst
Es ist 3 Uhr morgens. Das Baby schreit. Du bist so müde, dass dir die Augen brennen.
Du stehst auf. Zum vierten Mal. Zum fünften Mal. Du hast aufgehört zu zählen.
Du stillst oder fütterst. Du wiegst. Du trägst. Du versuchst alles.
Und manchmal – manchmal – weinst du mit.
Nicht vor Traurigkeit. Vor Erschöpfung. Vor Hoffnungslosigkeit. Vor der erdrückenden Gewissheit, dass morgen dasselbe sein wird. Und übermorgen. Und nächste Woche.
Diese Nächte kennt niemand. Niemand sieht sie. Niemand weiss, was du durchmachst.
Tagsüber lächelst du. Sagst “Mir geht’s gut”. Funktionierst. Aber nachts – nachts zeigt sich die Wahrheit.
Warum Selbstfürsorge nicht reicht
Die Ratgeber sagen: Nimm dir Zeit für dich. Mach Yoga. Gönn dir ein Bad.
Aber wie sollst du dir Zeit nehmen, wenn du keine hast? Wie sollst du Yoga machen, wenn das Kind schreit? Wie sollst du baden, wenn du vor Erschöpfung kaum die Augen aufhalten kannst?
Selbstfürsorge ist ein Luxus, den sich Alleinerziehende nicht leisten können. Nicht weil sie es nicht wollen. Weil die Zeit und Energie schlicht nicht da ist.
Was du brauchst, ist nicht “mehr Zeit für dich”. Was du brauchst, ist jemand, der einen Teil der Last übernimmt.
Jemand, der kommt und sagt: “Geh schlafen. Ich mache das.”
Jemand, der die Wäsche wäscht, ohne dass du fragst.
Jemand, der dich hält, wenn du nicht mehr kannst.
Die Hilfe, die du nicht findest
Du hast vielleicht versucht, Hilfe zu organisieren. Babysitter, die absagen. Familie, die weit weg ist oder ihre eigenen Probleme hat. Freundinnen, die helfen wollen, aber ihre eigenen Kinder haben.
Jedes Mal, wenn Hilfe ausfällt, stirbt ein Stück Hoffnung.
Irgendwann hörst du auf zu fragen. Es ist einfacher, alles selbst zu machen, als sich auf Hilfe zu verlassen, die nicht kommt.
Aber das ist keine Lösung. Das ist Selbstzerstörung in Zeitlupe.
Du wirst nicht zusammenbrechen. Du wirst langsam ausbrennen. Tag für Tag ein bisschen mehr. Bis nichts mehr übrig ist.
Die Scham, die dich still hält
Du sprichst nicht darüber. Weil du dich schämst.
Andere Mütter scheinen es zu schaffen. (Tun sie nicht – sie verstecken es genauso.)
Du solltest dankbar sein für dein Kind. (Kannst du – und trotzdem überfordert sein.)
Es gibt Mütter, die es schlimmer haben. (Das ändert nichts an deinem Schmerz.)
Diese Scham hält dich still. Sie isoliert dich. Sie macht die Überforderung schlimmer, weil du sie nicht teilen kannst.
Aber Scham ist eine Lüge. Eine Lüge, die dir erzählt wurde, damit du nicht um Hilfe bittest. Damit du funktionierst, egal was es dich kostet.
Was passiert, wenn du nicht aufhörst
Du weisst es vielleicht schon. Du spürst es.
Die Erschöpfung wird schlimmer. Die Freude wird weniger. Die Geduld wird dünner.
Du wirst gereizt. Explodierst wegen Kleinigkeiten. Schreist das Kind an – und hasst dich danach.
Du funktionierst noch. Aber nur noch auf Autopilot. Ohne Freude. Ohne Lebendigkeit. Ohne das Gefühl, wirklich da zu sein.
Das ist kein Leben. Das ist Überleben. Und Überleben ist auf Dauer nicht genug.
Die Wahrheit, die befreit
Du bist nicht überfordert, weil du eine schlechte Mutter bist.
Du bist überfordert, weil du einen unmöglichen Job machst – allein.
Menschen sind nicht dafür gemacht, Kinder alleine grosszuziehen. In keiner Kultur, in keiner Zeit der Geschichte war das normal. Immer gab es Dörfer, Grossfamilien, Gemeinschaften.
Du bist nicht das Problem. Die Isolation ist das Problem.
Und Isolation lässt sich ändern. Nicht indem du stärker wirst. Indem du jemanden findest, der neben dir steht.
Der Ausweg, den du vielleicht nicht siehst
Vielleicht denkst du: Es gibt keinen Ausweg. So ist mein Leben jetzt.
Aber das stimmt nicht.
Es gibt Menschen, die verstehen, was du durchmachst. Die nicht erwarten, dass du perfekt bist. Die da sein wollen – regelmässig, verlässlich.
Nicht um dich zu retten. Um neben dir zu sein.
Vielleicht ist der erste Schritt, zu akzeptieren: Ich brauche jemanden. Nicht weil ich schwach bin. Weil ich ein Mensch bin.
Der zweite Schritt: Diesen Jemand suchen. Nicht irgendwann. Jetzt.
Über mich und warum ich da sein will →
Schreib mir auf Telegram → | Schreib mir auf WhatsApp →
Wann es Zeit ist, professionelle Hilfe zu suchen
Wenn die Überforderung in Hoffnungslosigkeit umschlägt. Wenn du denkst, es wird nie besser. Wenn du nicht mehr schlafen oder essen kannst. Wenn du Gedanken hast, dir selbst oder dem Kind etwas anzutun.
Dann bitte sofort:
- Dargebotene Hand: Tel. 143 (24/7)
- Elternnotruf: Tel. 0848 35 45 55
- Dein Hausarzt / deine Hausärztin
Du bist nicht allein. Auch wenn es sich so anfühlt.
Weiterlesen
- Niemand versteht mich als Mama – Die Unsichtbarkeit der Überforderung
- Nachts wach, Baby schreit, du bist allein – Die Stunden, die niemand sieht
- Einsamkeit als Single-Mama – Warum Muttersein sie verstärkt
- Milchstau Knoten lösen – Wenn der Körper nicht loslassen kann
- Körperliche Nähe vermissen – Die Sehnsucht nach Gehaltenwerden
Wissenschaftliche Grundlagen: Wie chronischer Stress den Körper verändert – und was wirklich hilft: Alle 16 Studien →