Es gibt ein Wort, das mein ganzes Leben beschreibt: Funktionieren.
Aufstehen. Gym. Essen. Formulare ausfüllen. Ämter anrufen. Warten. Einschlafen. Aufstehen. Wiederholen. Wochentage, die sich anfühlen wie Kopien voneinander. Montag ist Dienstag ist Mittwoch ist egal.
Keine Höhen. Keine Tiefen. Nur dieses flache Rauschen, wie ein Fernseher auf dem falschen Kanal. Alles da – Bild, Ton, Farbe – aber nichts kommt an. Kein Signal. Nur Rauschen.
Das ist Überleben. Und ich war Weltmeister darin.
Was der Überlebensmodus ist
Dein Körper hat einen Schalter. Die Wissenschaft nennt es den sympathischen Nervensystem-Modus, aber das klingt nach Lehrbuch. Ich nenne es die Notabschaltung.
Wenn es zu viel wird – zu viel Schmerz, zu viel Einsamkeit, zu viel Druck, zu viel von allem – dann schaltet dein Körper um. Vom Fühlen ins Funktionieren. Vom Leben ins Überleben. Er fährt alles runter, was nicht überlebensnotwendig ist. Freude: abgeschaltet. Traurigkeit: abgeschaltet. Sehnsucht: abgeschaltet. Zärtlichkeit: abgeschaltet. Alles, was dich verletzlich macht, wird in einen Tresor gesperrt. Der Tresor wird zugesperrt. Der Schlüssel wird weggeworfen.
Und was übrig bleibt, ist eine Maschine. Eine hocheffiziente, leistungsfähige Maschine, die Dinge erledigt, Probleme löst, den Alltag managt und niemals zusammenbricht.
Das Problem: Der Schalter geht nicht von allein zurück.
Wenn du einmal im Überlebensmodus bist, bleibt er an. Auch wenn die akute Krise vorbei ist. Auch wenn es keinen Grund mehr gibt. Dein System hat gelernt: Fühlen ist gefährlich. Also fühle nicht. Und es hält sich daran. Jahrelang. Jahrzehntelang.
Du kannst jahrelang im Überlebensmodus sein, ohne es zu merken. Weil du dich daran gewöhnt hast. Weil es sich “normal” anfühlt – weil du kein anderes Normal mehr kennst. Weil alle um dich herum sagen: “Du machst das toll.” “Du bist so stark.” “Wie schaffst du das alles?”
Sie meinen es gut. Aber was sie eigentlich sagen, ist: “Dein Funktionieren überzeugt uns. Bitte hör nicht auf damit.”
Niemand fragt: “Wie fühlst du dich WIRKLICH?” Und wenn doch, sagst du: “Gut.” Automatisch. Ohne nachzudenken. Wie ein Bot, der auf eine Anfrage reagiert. Programmiert.
Meine Version davon
Ich will dir erzählen, wie mein Überleben aussah. Nicht als Mitleidsgeschichte. Sondern damit du vielleicht dein eigenes darin erkennst.
Morgens aufwachen. Der Wecker klingelt nicht, weil ich keinen brauche – mein Körper wacht immer um dieselbe Zeit auf. Wie eine Maschine, die ihren Wartungszyklus startet. Aufstehen. Badezimmer. Spiegel meiden. Anziehen.
Gym. Vier Mal die Woche. Eisen heben. Nicht weil es Spass macht – Spass ist ein Gefühl, und Gefühle sind abgeschaltet. Sondern weil es auf dem Plan steht. Und der Plan hält mich zusammen. Ohne Plan bin ich Chaos. Also halte ich mich an den Plan.
Nach Hause. Duschen. Essen. Nicht weil ich Hunger habe – Hunger ist ein Körpersignal, und Körpersignale kommen nicht mehr durch. Sondern weil es 12 Uhr ist und man um 12 Uhr isst.
Dann: Formulare. IV-Verfügungen. Ämter, die über mein Existenzminimum entscheiden. Ein System, das sagt: Beweis uns, dass du krank genug bist, um Hilfe zu verdienen. Und du sitzt da, vor einem Bildschirm, und versuchst in bürokratischer Sprache zu erklären, warum du Unterstützung brauchst. Während du gleichzeitig versuchst, zusammengehalten auszusehen, weil Verletzlichkeit zeigen sich wie ein Risiko anfühlt.
Und dann nach Hause kommen. Allein. In eine stille Wohnung. Die Schuhe ausziehen. Die Jacke aufhängen. Und in diese Stille hinein den Kühlschrank aufmachen. Damals dachte ich, er sei der einzige, der etwas gibt, wenn man ihn öffnet. Heute weiss ich es besser.
135 Kilo. Das ist mein Überlebensmodus in Kilogramm gemessen.
Abends: Fernseher. Nicht schauen – laufen lassen. Als Hintergrundgeräusch. Damit die Stille nicht so laut ist. Irgendwann einschlafen. Nicht müde, sondern erschöpft. Erschöpfung ist das Einzige, das den Überlebensmodus kurz unterbrechen kann.
Und dann: Aufstehen. Wiederholen. Tag für Tag. Woche für Woche. Monat für Monat. Wie ein Hamsterrad, das sich dreht und dreht und du vergisst, dass du einsteigen wolltest, um irgendwohin zu kommen. Aber du kommst nirgendwohin. Du rennst nur. Und das Rennen wird zum Zweck.
Bis die Jahre sich stapeln und du eines Morgens auf dem Bettrand sitzt und dich fragst: Wo ist mein Leben hin?
Ich habe nicht gelebt. Ich habe überlebt. Jahrelang. Bis ich begriffen habe, dass Überleben das Gegenteil von Leben ist.
Überlebensmodus erkennen
Vielleicht erkennst du dich in meiner Geschichte nicht wieder. Dein Überleben sieht anders aus. Das ist okay. Jeder hat seine Version.
Aber vielleicht erkennst du dich in diesen Sätzen:
Du stehst morgens auf und weisst nicht, wo der gestrige Tag hin ist. Du hast Dinge getan – das Baby gefüttert, den Brei gekocht, den Tisch gewischt, die Windel gewechselt, die Wäsche aufgehängt, das Kind ins Bett gebracht – aber du erinnerst dich nicht daran. Als hättest du den Tag auf Autopilot verbracht. Als wärst du nicht du gewesen, sondern jemand, der dich spielt.
Du rufst deine Mutter an und sagst: “Alles gut.” Du triffst eine Freundin und sagst: “Läuft.” Du postest auf Instagram ein Foto vom Kinderwagen im Park und schreibst “Dankbar” – und fühlst nichts dabei.
Nichts ist gut. Nichts läuft. Du bist nicht dankbar. Du bist taub.
Aber du funktionierst. Und das reicht. Für alle anderen. Für die Gesellschaft. Für das System, das sagt: Solange du nicht zusammenbrichst, bist du gesund.
Nur nicht für dich.
Vielleicht zeigt dein Körper dir gerade, dass er am Limit ist. Vielleicht als Milchstau, der einfach nicht aufhört, obwohl du alles “richtig” machst. Vielleicht als Rückenschmerzen, die kein Arzt erklären kann. Vielleicht als Hauthunger – dieses Verlangen nach Berührung, das sich anfühlt wie ein körperlicher Entzug. Vielleicht als dieses Gefühl, dass du gleich zusammenbrichst – aber du brichst nie zusammen, weil du nicht einmal DAS kannst. Weil der Überlebensmodus auch den Zusammenbruch verhindert. Er sagt: Nein. Noch nicht. Funktioniere weiter.
Das ist der Überlebensmodus. Er hält dich am Laufen. Und er tötet dich gleichzeitig. Langsam. Von innen. Nicht den Körper – die Seele. Er nimmt dir die Fähigkeit zu fühlen, und damit die Fähigkeit zu leben.
Wie sich der Unterschied anfühlt
Ich will dir beschreiben, wie sich der Moment anfühlt, in dem der Schalter umspringt. In dem du vom Überleben ins Leben wechselst. Nicht als Theorie – als Erfahrung.
Es war ein Dienstagmorgen. Ich sass auf dem Bettrand. Und zum ersten Mal seit Jahren habe ich gefühlt. Nicht gedacht, nicht analysiert, nicht “verstanden”. GEFÜHLT.
Die Einsamkeit. Nicht als abstraktes Konzept. Sondern als physischen Schmerz. Wie ein Messer zwischen den Rippen. Die Sehnsucht. Nicht als Wort. Sondern als Ziehen in der Brust, so stark, dass es wehtut. Die Angst. Nicht als Diagnose. Sondern als Enge im Hals, die dich nicht schlucken lässt.
Und ich habe geweint. Lange. Laut. Hässlich.
Und danach – nach den Tränen, nach dem Sturm – war da etwas Neues. Etwas, das ich vergessen hatte. Ein Gefühl, das keinen Namen hat, aber sich anfühlt wie: Oh. Ich bin ja noch hier. Ich fühle ja noch. Ich lebe ja noch.
Das ist der Unterschied. Leben ist, wenn du lachst und es meinst. Wenn du weinst und es zulässt. Wenn du jemanden berührst und es spürst – nicht nur mit den Fingerspitzen, sondern bis in die Brust. Wenn du aufwachst und der Tag sich anfühlt wie ein Tag und nicht wie eine Kopie von gestern.
Überleben ist, wenn du alles tust, aber nichts fühlst. Wenn die Tage vorüberziehen wie Züge, in die du nicht einsteigst.
Ich habe den Unterschied erst begriffen, als ich ihn am eigenen Körper gespürt habe. Und ich dachte: Ach so. Das also ist leben. DAS war die ganze Zeit da – und ich habe es nicht zugelassen.
Der Preis des Überlebens
Überleben hat mich 135 Kilo gekostet. Ungefühlte Gefühle, gespeichert als Fett, als Anspannung, als chronische Müdigkeit. Heute schaue ich hin – und genau das macht den Unterschied.
Aber der grössere Preis ist unsichtbar: Beziehungen, die nie stattfanden. Frauen, die mich mochten, und die ich nicht ranliess – weil Nähe ein Gefühl ist, und Gefühle waren abgeschaltet. Freundschaften, die oberflächlich blieben, weil ich mich nie gezeigt habe. Nächte, die ich nicht erinnere. Jahre, die sich anfühlen wie ein einziger, endloser Tag.
Der Überlebensmodus hat mich beschützt. Aber er hat mich auch beraubt. Um Freude, um Verbindung, um Liebe, um alles, was das Leben lebenswert macht.
Wenn du stillst, kennst du vielleicht eine körperliche Version davon. Dein Körper ist im Überlebensmodus – Cortisol hoch, Oxytocin blockiert – und die Milch fliesst nicht. Nicht weil etwas mit deiner Brust nicht stimmt. Sondern weil dein ganzes System auf Überleben geschaltet ist. Und im Überlebensmodus hat Nähren keine Priorität. Dein Körper spart Energie für das Wesentliche: Durchhalten. Weitermachen. Nicht zusammenbrechen.
Der chronische Milchstau, der immer wiederkommt, obwohl technisch alles stimmt – er ist oft nichts anderes als dein Körper, der dir sagt: Du bist im Überlebensmodus. Du funktionierst. Aber du lebst nicht. Und solange du nicht lebst, kann auch die Milch nicht frei fliessen.
Der Ausweg ist nicht bessere Technik. Der Ausweg ist: Raus aus dem Überleben. Rein ins Fühlen. Und dafür brauchst du ein Gegenüber.
Und das ist der Witz: Du merkst es nicht, solange du drin bist. Du merkst erst, was du verpasst hast, wenn du rauskommst. Wie jemand, der sein ganzes Leben in einem dunklen Raum verbracht hat und zum ersten Mal Sonnenlicht sieht. Und denkt: Das also ist Farbe.
Warum du es allein nicht schaffst
Hier ist die brutale Wahrheit, die niemand hören will: Du kannst den Überlebensmodus nicht allein verlassen.
Nicht weil du zu schwach bist. Nicht weil du es nicht willst. Sondern weil dein Nervensystem ein Gegenüber braucht, um runterzufahren.
Dein Körper hat den Überlebensmodus aktiviert, um dich vor einer Welt zu schützen, in der du allein bist. Und genau deshalb kann er ihn nicht deaktivieren, solange du allein bist. Das wäre, als würdest du den Alarm abschalten, während der Einbrecher noch im Haus ist.
Du brauchst jemanden, dessen Atem dir sagt: Du bist sicher. Dessen Hände dir sagen: Du kannst loslassen. Dessen Herzschlag neben deinem Herzschlag deinem Nervensystem signalisiert: Der Krieg ist vorbei. Du darfst aufhören zu kämpfen. Du darfst fühlen. Du darfst leben.
Das ist keine Esoterik. Das ist Co-Regulation. Dein Nervensystem orientiert sich an dem Nervensystem neben ihm. Wenn das Gegenüber ruhig ist, wirst du ruhig. Wenn das Gegenüber sicher ist, wirst du sicher. Wenn das Gegenüber fühlt, darfst auch du fühlen.
Was ich suche
Ich suche keine Frau, die perfekt funktioniert. Davon gibt es genug. Frauen, die alles im Griff haben. Die den Haushalt schmeissen, das Kind erziehen, den Job machen, nebenbei noch Yoga und Meal Prep, abends lächeln und niemandem zeigen, wie es wirklich aussieht.
Diese Frauen beeindrucken mich. Aber sie machen mir Angst. Weil ich weiss, was hinter dem perfekten Funktionieren steckt: derselbe Überlebensmodus, den ich kenne. Dieselbe Taubheit. Dieselbe Angst, dass alles zusammenbricht, wenn du für eine Sekunde aufhörst zu funktionieren.
Ich suche eine Frau, die den Mut hat, aufzuhören zu funktionieren.
Die sagt: “Ich kann nicht mehr allein stark sein. Es zerstört mich.” Die zugibt: “Ich brauche jemanden, der mich hält. Nicht als Schwäche, sondern als Wahrheit.” Die bereit ist, gemeinsam mit mir den Schritt vom Überleben ins Leben zu wagen.
Nicht weil ich sie rette. Ich bin kein Retter. Ich bin ein Mann, der selber gerade erst angefangen hat zu fühlen. Sondern weil wir uns gegenseitig erlauben, endlich zu fühlen. Weil mein Körper neben deinem Körper sagt: Du bist sicher. Und deiner neben meinem dasselbe.
Co-Regulation. Gegenseitig. Auf Augenhöhe.
Gemeinsam aus dem Tunnel
Ich stelle mir das manchmal vor. Wie es wäre.
Zwei Menschen, die beide den Überlebensmodus kennen. Die beide wissen, wie es sich anfühlt, jahrelang zu funktionieren, ohne zu leben. Die beide die Mauer kennen, die Taubheit, den Kühlschrank um 2 Uhr nachts, die Einsamkeit, die so laut ist, dass du den Fernseher aufdrehen musst.
Und die sich entscheiden: Jetzt nicht mehr. Nicht mehr allein. Nicht mehr taub. Nicht mehr Überleben.
Stattdessen: Nebeneinander auf dem Sofa sitzen. Nicht reden. Nicht fixen. Einfach atmen. Und spüren, wie das Nervensystem langsam, ganz langsam, runterfährt. Wie die Muskeln sich entspannen. Wie der Atem tiefer wird. Wie die Gefühle wiederkommen – erst leise, dann lauter.
Und vielleicht weinen. Beide. Nicht weil etwas schlimm ist. Sondern weil es endlich gut ist. Weil der Schalter endlich umgesprungen ist. Weil du zum ersten Mal seit Monaten, seit Jahren, etwas fühlst, das nicht Angst ist.
Das ist es, was ich suche. Kein perfektes Date. Keine romantische Komödie. Sondern zwei Menschen mit Geschichte, die sich gegenseitig das Fühlen erlauben.
Zwei Menschen, die wissen, wie sich der Überlebensmodus anfühlt – und die sich entschieden haben, ihn gemeinsam zu verlassen. Schritt für Schritt. Atemzug für Atemzug. Nacht für Nacht. Nicht indem sie den anderen retten. Sondern indem sie einfach da sind. Nebeneinander. Im selben Bett. In derselben Stille. Aber nicht mehr allein in dieser Stille.
Das ist kein Märchen. Das ist Biologie. Das ist das, wofür unser Nervensystem gebaut wurde: Zusammen sein. Zusammen fühlen. Zusammen leben – nicht nur überleben.
Wenn du nachts wach liegst und spürst, dass du nur noch funktionierst. Wenn die Brust spannt und du weisst, dass es nicht nur die Milch ist, die staut – sondern dein ganzes Leben. Wenn du dich fragst, ob es da draussen jemanden gibt, der versteht, wie müde du wirklich bist. Wenn du das Wort “erschöpft” nicht mehr als Beschwerde meinst, sondern als Zustandsbeschreibung deiner Seele.
Dann bist du hier richtig. Dann bin ich hier. Auch müde. Auch ehrlich. Und bereit. Bereit, gemeinsam vom Überleben ins Leben zu gehen. Nicht perfekt. Nicht geheilt. Aber endlich, endlich echt.
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