Ich gehe vier Mal pro Woche ins Gym. Bankdrücken. Kniebeugen. Rudern. Kreuzheben. Schulterdrücken. Ich bin nicht unsportlich. Ich bin stark. Stärker als die meisten Männer, die halb so viel wiegen wie ich. Meine Hände haben Schwielen vom Eisen, meine Schultern sind breit, mein Griff ist fest.
Und ich wiege 135 Kilo.
Das passt nicht zusammen, oder? Ein Mann, der viermal die Woche trainiert, sollte anders aussehen. Schlanker. Definierter. Instagram-tauglich. Die Art von Körper, bei der Frauen auf Tinder nach rechts wischen.
Aber mein Körper gehorcht nicht der Logik von Kaloriendefizit und Makronährstoff-Verteilung. Er gehorcht einer anderen Logik. Einer tieferen. Einer, die kein Fitnesstrainer kennt und kein Ernährungsberater in seinen Tabellen hat.
Mein Körper gehorcht der Wahrheit. Und die Wahrheit ist: Ich habe jahrelang Gefühle gegessen.
Die Pizza um 2 Uhr nachts
Es ist immer derselbe Ablauf. Ich kenne ihn so gut, dass ich ihn im Schlaf beschreiben könnte. Und das ist das Tragische – weil ich ihn meistens aus dem Halbschlaf heraus beginne.
Ich liege im Bett. Es ist still. Nicht die gute Stille, die nach einem erfüllten Tag kommt. Sondern die andere. Die schwere. Die, die sich anfühlt wie eine Decke aus Blei, die auf deiner Brust liegt. Die Stille einer leeren Wohnung. Einer leeren Betthälfte. Eines leeren Lebens.
Die Einsamkeit kriecht hoch. Erst im Bauch – ein flaues, unbestimmtes Gefühl, das sich anfühlt wie Hunger, aber keiner ist. Dann in der Brust – ein Druck, ein Ziehen, als würde jemand von innen an deinen Rippen zerren. Dann im Hals – ein Kloss, der nicht weggehen will, egal wie oft du schluckst.
Und dann stehe ich auf. Die Füsse auf dem kalten Boden. Der Weg in die Küche, den ich blind gehen könnte. Das Licht des Kühlschranks, das einzige Licht in der Wohnung.
Nicht um zu fühlen. Sondern um NICHT zu fühlen.
Schokolade. Die ganze Tafel, nicht ein Stück. Brot mit zu viel Butter, drei Scheiben, vier. Reste vom Mittagessen, kalt, direkt aus der Tupperware. Käse. Wurst. Was immer da ist. Es geht nicht um Geschmack. Es geht nicht um Hunger. Es geht darum, dass mein Mund beschäftigt ist, damit mein Herz still sein kann.
Kauen, schlucken, kauen, schlucken. Ein Rhythmus, der betäubt. Wie ein Schaukelstuhl, der ein schreiendes Baby beruhigt. Nur dass das schreiende Baby in mir drin ist – und es schreit nicht nach Milch, sondern nach Armen.
Ich wusste immer, was ich tat. Das ist das Perverse daran. Ich bin nicht dumm. Ich bin sogar verdammt gut informiert. Ich kenne die Kalorientabellen auswendig. Ich weiss, was Makros sind. Ich kann dir den Unterschied zwischen glykämischem Index und glykämischer Last erklären. Ich habe Bücher gelesen über Ernährung, über Psychologie des Essens, über Suchtverhalten, über emotionale Regulation.
Ich weiss ALLES darüber, warum ich zu viel esse.
Und ich esse trotzdem.
Weil Wissen die falsche Währung ist. Wissen hilft dir zu verstehen, warum der Kühlschrank ruft. Aber es hilft dir nicht, ihm nicht zu antworten. Dafür brauchst du etwas anderes. Etwas, das kein Buch dir geben kann.
Wissen füllt keine leeren Arme.
Der Kreislauf
Am nächsten Morgen stehe ich auf. Ich fühle mich schlecht. Nicht nur körperlich – der Bauch ist voll, der Kopf ist dumpf, der Mund schmeckt nach Scham. Sondern seelisch. Die Scham. Die alte Vertraute.
Du hast es wieder getan. Du hast keine Disziplin. Du bist schwach. Du wirst nie anders aussehen. Wer will so einen Mann?
Und was mache ich mit dieser Scham? Ich gehe ins Gym. Vier Mal pro Woche. Manchmal fünf. Ich hebe Eisen, bis meine Muskeln brennen. Ich renne auf dem Laufband, bis mein T-Shirt durchgeschwitzt ist. Ich bestrafe meinen Körper für das, was mein Herz in der Nacht getan hat.
Das ist der Kreislauf: Einsamkeit → Essen → Scham → Training → Erschöpfung → Einsamkeit → Essen.
Eine Endlosschleife, die sich dreht und dreht und dreht. Und die 135 Kilo sind das Ergebnis dieser Drehung. Nicht von Faulheit. Nicht von Unwissen. Nicht von “sich gehen lassen”. Von einem Herzen, das keine andere Sprache für seine Sehnsucht hat als Hunger.
Was der Körper speichert
Dein Körper ist ein Archiv. Er speichert alles, was du nicht sagst, nicht fühlst, nicht ausdrückst. Jeder Wissenschaftler, der sich mit Psychosomatik beschäftigt, weiss das. Der Körper lügt nicht. Er ist das ehrlichste, was wir haben.
Mein Körper hat alles gespeichert, was ich nicht gesagt habe. Jede Nacht, in der ich jemanden vermisst habe, den es nicht gab. Jedes “Mir geht’s gut”, das gelogen war. Jede Umarmung, die nie stattgefunden hat. Jede Berührung, die ich mir gewünscht habe und die nie kam.
135 Kilo. Mein Körper hat gespeichert, was ich nicht fühlen wollte. Heute schaue ich hin – und verstehe, was er mir sagen wollte.
Klingt dramatisch? Mag sein. Aber wenn du ehrlich bist – speichert dein Körper nicht auch?
Vielleicht nicht als Kilos. Vielleicht als Milchstau, der immer wiederkommt, obwohl technisch alles in Ordnung ist. Vielleicht als Rückenschmerzen, die kein Orthopäde erklären kann. Vielleicht als diese Erschöpfung, die kein Schlaf heilt. Vielleicht als Hauthunger – dieses namenlose Verlangen nach Berührung, das dich nachts wach hält.
Unser Körper lügt nicht. Er spricht die Sprache, die unser Mund nicht spricht. Und wenn wir ihm nicht zuhören, spricht er lauter. Und lauter. Und lauter. Bis wir keine Wahl mehr haben.
Die Waage und die Scham
Ich besitze keine Waage. Nicht mehr. Ich habe sie vor Monaten weggeworfen.
Nicht weil mir mein Gewicht egal wäre. Sondern weil die Waage mein Folterinstrument war. Jeden Morgen dasselbe Ritual: Aufstehen. Ausziehen. Draufstehen. Zahl lesen. Und dann: Scham. Immer Scham. Egal ob die Zahl hoch oder runter ging. Hoch: Du hast versagt. Runter: Wird sowieso nicht halten. Gleich: Du stagnierst, du Versager.
Die Waage war nie ein neutrales Messgerät. Sie war der Richter, der jeden Morgen sein Urteil sprach. Und das Urteil war immer dasselbe: Nicht gut genug.
Weisst du, was passiert, wenn du jeden Morgen hörst: Nicht gut genug? Du glaubst es. Du nimmst es an wie eine Tatsache. Und dann brauchst du etwas, das den Schmerz dieses “Nicht genug” betäubt. Und was steht in der Küche?
Der Kühlschrank. Der einzige in der Wohnung, der gibt, wenn du ihn öffnest.
Warum ich mich nicht mehr schäme
Lange habe ich mich versteckt. Keine Fotos ohne Jacke – auch im Sommer. Keine Dates, bei denen man aufstehen und gehen muss, weil der Stuhl knarzt, wenn ich mich setze. Immer hinten im Restaurant, wo weniger Leute schauen. Immer die Arme vor dem Bauch verschränkt.
Der Gedanke war immer derselbe: Wenn sie mich sieht, will sie mich nicht mehr. Die echte Version von mir – ohne die flatternde Jacke, ohne den günstigen Winkel, ohne das geschickt gewählte Profilfoto von 2019 – die will niemand.
Und dann, irgendwann zwischen dem Bettrand und dem Badezimmerboden, habe ich mich gefragt: Will ich eine Frau, die mich nur will, wenn ich 30 Kilo weniger wiege? Will ich eine Beziehung, die auf einer Lüge startet? Will ich jeden Morgen neben jemandem aufwachen und denken: Wenn du wüsstest?
Nein. Nein, das will ich nicht.
Ich will eine Frau, die SIEHT. Die sieht, dass dieser Körper eine Geschichte erzählt. Dass die Kilos nicht Faulheit sind, sondern gespeicherter Schmerz, den ich heute bewusst anschaue. Dass der Bauch nicht Undiszipliniertheit ist, sondern Teil eines Mannes, der vier Mal pro Woche ins Gym geht – nicht um auszusehen wie ein Model, sondern um sich lebendig zu fühlen. Um präsent zu sein. Um seinem Körper zu zeigen: Ich gebe dich nicht auf.
Ich könnte auf Tinder ein Profil basteln. “Sportlich, humorvoll, liebt Reisen.” Ich könnte das eine Foto von vor drei Jahren nehmen, bei dem das Licht günstig fällt. Ich könnte mein Gewicht verschweigen und meine IV verheimlichen und den Mann spielen, den diese Gesellschaft als “datable” betrachtet. Aber ich habe mich entschieden, offen zu sein – auch darüber, was es bedeutet, als IV-Bezüger einen Wert als Mann zu haben.
Aber wozu? Du würdest dich in eine Fassade verlieben. Und ich würde jede Sekunde in der Angst leben, dass die Fassade fällt. Dass du siehst, wer dahinter steht. Und gehst.
Also lasse ich die Fassade gleich weg. Das hier bin ich. Mit Bauch. Mit Gym-Schwielen an den Händen. Mit einem Herzen, das zu gross ist für eine Wohnung allein. Mit einer Sehnsucht, die grösser ist als mein Appetit.
Und wenn du das liest und nicht wegklickst – dann bist du vielleicht die Richtige.
Der Wendepunkt
Eines Morgens sass ich auf dem Bettrand – der Bettrand ist mein Therapiestuhl, mein Beichtstuhl, mein heiliger Ort – und habe etwas begriffen, das so einfach ist, dass es fast wütend macht:
Ich kann weiter fressen oder anfangen zu fühlen. Beides gleichzeitig geht nicht.
Das Essen IST das Nicht-Fühlen. Es ist keine Nebenwirkung, kein Symptom, kein schlechte Angewohnheit. Es ist die Betäubung selbst. Solange ich esse, fühle ich nicht. Und solange ich nicht fühle, muss ich essen.
Durch den Kern hindurchgehen bedeutet, den Kühlschrank zuzulassen. Die Hand, die schon am Griff ist, zurückzuziehen. Und stattdessen auf dem Bettrand sitzenzubleiben und zu fühlen, was da ist. Die Einsamkeit. Die Sehnsucht. Die Angst. Die Scham. Den ganzen scheiss Gefühlssalat, den ich so lange zugedeckt habe.
Es bedeutet zu weinen, statt zu kauen. Zu schreien, statt zu schlucken. Da zu sein mit dem, was wehtut, statt es mit Kohlenhydraten zu ersticken.
Ich sage nicht, dass ich “geheilt” bin. Das wäre gelogen. Ich esse immer noch manchmal nachts. Letzte Woche war es Dienstag. Einsamkeit, Kühlschrank, Schokolade. Der alte Film.
Aber der Unterschied ist: Ich weiss jetzt, warum. Ich weiss, dass es nicht der Hunger ist. Ich weiss, dass es die Arme sind, die fehlen. Und manchmal – immer öfter, Woche für Woche ein bisschen öfter – schaffe ich es, einfach dazusitzen. Zu fühlen. Die Welle kommen zu lassen. Und wieder ins Bett zu gehen, ohne gegessen zu haben.
Das klingt nach wenig. Für mich ist es alles. Für mich ist jede Nacht, in der ich fühle statt fresse, ein Sieg. Kein triumphaler Sieg mit Fanfaren. Ein stiller Sieg. Auf dem Bettrand. Im Dunkeln. Allein.
Aber nicht mehr betäubt.
Das Gym – und was es wirklich für mich ist
Ich will noch etwas über das Training sagen. Weil die meisten denken: “Wenn er trainiert und trotzdem so viel wiegt, macht er was falsch.”
Nein. Ich mache nichts falsch. Ich mache etwas Richtiges – nur nicht das, was ihr denkt.
Das Gym ist für mich nicht der Ort, an dem ich abnehme. Es ist der Ort, an dem ich meinen Körper spüre. Nicht als Feind. Nicht als Baustelle. Sondern als etwas, das lebendig ist. Das stark ist. Das KANN.
Wenn ich 120 Kilo auf der Bankdrücken-Stange liege und sie hochdrücke, dann fühle ich: Ich bin stark. Nicht “Ich bin dünn” oder “Ich bin schön”. Sondern: Ich bin stark. Und das ist ein Gefühl, das mir kein Spiegel und keine Waage geben kann.
Das Gym ist der einzige Ort, an dem mein Körper und ich auf derselben Seite sind. Wo wir nicht gegeneinander kämpfen, sondern miteinander.
Und manchmal, nach dem Training, wenn ich verschwitzt in der Umkleide stehe, dann schaue ich auf meine Hände. Gross. Rau. Stark. Und ich denke: Diese Hände sind für jemanden gemacht. Nicht für Hanteln. Nicht für Pizzakartons. Für einen Rücken. Für ein Gesicht. Für das Halten von jemandem, der es braucht.
Im Gym bin ich nicht der Dicke, der abnehmen will. Im Gym bin ich der Starke, der sich spürt. Und dieses Gefühl – stark, lebendig, fähig – nehme ich mit in mein Leben. In jeden Text, den ich schreibe. In jede Nacht, in der ich allein bin, aber nicht mehr betäubt.
Was das mit dir zu tun hat
Vielleicht schämst du dich auch für deinen Körper. Vielleicht hat er sich verändert – durch die Schwangerschaft, durch die Stillzeit, durch die Erschöpfung, durch die durchweinten Nächte. Vielleicht schaust du in den Spiegel und erkennst dich nicht wieder.
Der Bauch, der mal flach war. Die Brüste, die anders hängen. Die Dehnungsstreifen, die du hasst. Das Gewicht, das nicht runtergeht, obwohl du stillst und kaum isst und den ganzen Tag auf den Beinen bist.
Vielleicht denkst du: So will mich keiner. Vielleicht sagst du dir: Erst abnehmen, dann daten. Vielleicht verschiebst du dein Leben auf “wenn ich wieder aussehe wie vorher.”
Ich kenne diesen Blick. Diesen Moment vor dem Spiegel um 3 Uhr nachts, in dem du dich fragst: Will mich so überhaupt jemand?
Ja. Ich.
Nicht trotz deines Körpers. Nicht obwohl du dich verändert hast. Sondern MIT deinem Körper. MIT den Dehnungsstreifen. MIT dem weichen Bauch. MIT allem, was dein Körper erzählt.
Weil ein Körper, der gelebt hat, der getragen hat, der genährt hat, der gelitten hat – der ist echt. Und echt ist das Einzige, was mich interessiert. Keine Filter. Keine Optimierung. Kein “Wenn ich erstmal wieder aussehe wie vorher”. Ich habe genug von Fassaden. Meinen eigenen und denen der Welt.
Wir sind beide nicht perfekt. Wir sind beide schwerer, als die Gesellschaft es gerne hätte – körperlich oder seelisch oder beides. Und genau das macht uns füreinander richtig. Nicht obwohl. Sondern weil.
Denn wer seine eigene Unvollkommenheit kennt, hat Platz für die des anderen. Und wer aufgehört hat, sich zu verstecken, kann auch dem anderen helfen, seine Masken abzulegen.
135 Kilo. Jedes einzelne davon ehrlich. Und bereit, genau so geliebt zu werden. Wenn du eine Frau bist, die das versteht – die selber aufgehört hat, sich zu optimieren, bevor sie sich zeigt – dann bin ich hier. Sichtbar. Ehrlich. Mit Bauch und mit Herz.
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